Sonntag, 31. August 2014

Sonntagstext - 31. August 2014



Schöne seltene Weide



von Rainer Malkowski (1939 - 2003)


Manchmal, nach einem Herbststurm,
wenn die Luft still und gefegt ist,
gehe ich im Garten umher und zähle
die abgeschlagenen Äste.
Nur die Weide zeigt keine Veränderung.
Ich bewundere sie lange:
nicht immer sieht es so schön aus,
wenn die Biegsamkeit überlebt.





Sonntag, 24. August 2014

Sonntagstext 24. August 2014

schamanenträume IV

von Werner Herzog


meditation II

die augen
geschlossen

in der mitte
ein weißer punkt
dann bildet sich
ein kreis

erst weiß
dann gelb
aus dem
regenbogenfarben
entstehen

dabei tief in sich
versinken - sterben
und werden

die leere fühlen
und erleben - in
die stille hinhören

neue lebenslinien
werden sichtbar

09.09.1986

In Erinnerung an meinen Literaturfreund und Mitglied des EuropaLiteraturkreises:
Werner Herzog war als Entwicklungshelfer im Basisgesundheitsdienst in Afrika von 1987 bis 1989 tätig. Seine Eindrücke und Empfindungen hielt er in seinen Gedichten fest.
Stimmungsvolle Bilder und tiefe Gefühle spiegeln die Verse wieder.
Werner Herzog konnte die Veröffentlichung seiner ihm am Herzen liegenden Afrika-Gedichte leider nicht mehr erleben.

Sonntag, 17. August 2014

Sonntagstext - 17.August 2014


lord, my Lord
(von Dagmar Weck)

           Wenn dich niemand beobachtet,
              fürchte dich vor dir selber (aus England).

*  zweifel


Gordon öffnet die menschengroße kunststoffkiste, er, der bestellte, ist wirklich darin, angekommen gerade eben. ‚lord’ steht auf seiner goldfarbenen jacke.

‚lord, mein auserwählter, tritt hervor’, auf Gordons befehl verlässt lord seine kiste und nähert sich dem, der ihn gerufen hat. im antlitz des lord erkennt gordon sein eigenes angesicht. lord, der nachgebildete Gordon, steht vor Gordon, dem Tatächlichen, der sein Abbild erschaffen ließ: seinen Androiden. Gordon prüft lords antlitz und errötet, eine kleine spur weicher als das des Wirklichen erstrahlt es.

‚sag es  mir, lord, Gordon stubst seinen zweitmenschen ein wenig zu fest in dessen rücken.

‚deine freunde werden deine schönheit ewig bewundern’, lord umarmt Gordon etwas unsanft. einen schritt weicht der lebendige Gordon zurück. ’meine freunde thora und robin müssen mich lieben, sie können nicht mehr an mir vorbei sehen, du bist der beweis, my lord.’

‚wahrhaftig’, my lord legt keine wärme in seine stimme.

sich selbst sieht der mit schönheit begnadete Tatsächliche an, sich allein.

 

*  splendid isolation


 
in die stadt hinein treibt es manche menschen, dort finden begegnungen statt.

‚thora, robin’, Gordon umarmt sein freunde.

‚wir haben uns eine ewigkeit nicht mehr gesehen, lieber Gordon, daisy ist auch hier’, thora will Gordon nicht loslassen. ‚meine gute thora, genug, genug’, Gordon beendet die umarmung  mit ihr. an daisy sieht er vorbei.

er schweigt zu dem neben ihm stehenden goldenen mylord.

daisy fasst sanft in Gordons gesicht: ‚es tut mir weh, dass du mich verlassen hast.’

‚du hast mich nicht genug geliebt, dich habe ich nicht verletzt, niemals.’

lord scheint sich zu bewegen, ohne befehl.

‚verloren hast du dich, Gordon’, daisy weint, ‚du kannst nicht lieben.’

‚sag es’, lords abbild klammert sich an den androiden, der jedoch weigert sich zu sprechen.

ist er doch ein lebendiger, der goldlord?
 

*  wüste


‚wir sehen uns, mein lieber’, robins und thoras hoffnung steht mitten in der  gut besuchten geschäftsstraße der stadt.

‚später’, lord und Gordon gehen, drehen sich nicht mehr um und lassen ihre freunde stehen unter fremden stadtmenschen.

 

lord und sein herr erreichen die gemeinsame wohnung, sorgfältig schließt Gordon die wohnungstür ab, zweimal.

als die sonne sich weit entfernt von ihrem balkon zurückzieht und sie beide der nacht anvertraut, zeigt sie für nur eine einzige sekunde ihr  warmes goldRot.

sie allein hat diese fähigkeit, einem menschen ist sie nicht gegeben.

lord läuft vom balkon in die Wohnung, dann wieder  zurück zu gordon, danach von  zimmer zu zimmer, unaufhaltbar.

 

Zwei gläser sekt schenkt Gordon ein , eines davon reicht er seinem abbild.

lachte dieses nicht gerade hämisch?

leise,sehr leise?

nein,niemals wird das geschehen.

Gordon kennt die ewigkeit nicht, niemand hat sie je gesehen.

 

 

Sonntag, 27. Juli 2014

In eigener Sache

Liebe Literaturfreunde,
Leser des Blogs!

Da ich seit mehreren Monaten mich mit den Tücken des Internets und der Telekom-Deutschland herumschlage, kann ich leider nicht jeden Sonntag den Sonntagstext oder das Sonntagsgedicht hier im Blog posten. Ich bitte deshalb um Nachsicht - aber: Patient befindet sich inzwischen auf dem Wege der Besserung!

Noch eins: Wenn Ihr den einen oder anderen Text für die Rubrik "Sontagstext" habt, dann bitte sendet diesen an mich. Texte werden gerne und jederzeit angenommen und hier veröffentlicht. Das gilt auch für Buchrezensionen oder auch andere Texte!

Einen schönen Sonntag wünscht Euer

Reinhard Mermi
(Blog-Redaktion)

Sonntagstext - 27. Juli 2014




Es kostet hellwache Tage
und schlaflose Nächte
um heraus zu finden
was ins Helle gehört
und was im Dunkeln
bleiben muss

Werner Lutz (*1930)

Sonntag, 13. Juli 2014

Sonntagstext - 13. Juli 2014



Donau-Erinnerungen

von Reinhard Mermi


Wenn ich an meine früheste Kindheit zurückdenke, fällt mir dieser heiße Sommertag im August ein. Die Getreidefelder waren abgeerntet. Staub lag auf dem Feldweg, der oben auf der Kuppe in wolkenlosem Blau sich verlor.
Wir werden von den Landschaften, in die wir hineingeboren werden, geprägt. Von Generation zu Generation werden die Bilder vererbt. Da sind die Kornfelder und Hopfengärten, die auf weichen Hügeln stehen. Gleichzeitig fühle ich die Hitze und die Schwermut über tiefgepflügten Ackerfurchen. Störche stehen in Feuchtwiesen und dahinter, eingerahmt von Auwäldern aus Weiden und Silberpappeln, fließt ostwärts der große Strom.
Kindheitserinnerungen. Geschichten über Tagelöhner mit kargem Lohn; hurende Priester; reiche Hopfenbauern mit schwarzgewichsten Stiefeln; hungernde Frauen und Kinder, die auf abgeernteten Feldern nach Kartoffeln, Runkelrüben, Getreideähren suchen; barfüßige Knechte und Mägde; im Namen Gottes prügelnde Schulschwestern; arme Seelen bei den Kreuzen am Wegesrand, die ihre ewige Ruhe nicht finden können. Und Geschichten über die Liebe, die im Strom ertränkt wurde.
Kindheitserinnerungen. Das das kleine Haus, an die Stadtmauer gelehnt, mit dem Pumpbrunnen im Hausflur, der Kettenhund vor seiner Hundehütte; der Geruch nach frisch gehacktem Holz; der Leiterwagen; der kleine Gemüsegarten, der sich den Abhang zum Stadtgraben hinunterzieht.
Wenn ich auf der Brücke stehe, höre ich die fröhlichen Stimmen, sehe die mutigen Schwimmer im Geiste vor mir, die sich der Donau mit ihren Strudeln und Wirbeln anvertrauen, sich treiben lassen, viele Kilometer weit, um dann am Ufer wieder stromaufwärts zu laufen.

Montag, 7. Juli 2014

Bachmannpreis 2014



von Hans Bäck

Das wars dann wieder einmal!


Die 38. Tage der deutschsprachigen Literatur sind vorüber, der Bachmannpreis vergeben. Wie sagte heute Mittag jemand beim Verlassen des ORF-Studios in Klagenfurt? ‚Es ist wie beim Wein, es gibt gute und weniger gute Jahrgänge, diesmal was es einer der weniger guten!’
Nun, auch das hatten wir alles in der Vergangenheit auch schon. Wir wunderten uns oft, welche Texte mit der noch immer beachtlichen Preissumme ausgezeichnet wurden.
Tex Rubinowitz erhielt den Preis, was insoferne verwundert, dass in der klinisch humorlosen Jury so ein Text zum Zuge kam. Ganz so klar ging es sowieso nicht ab, es brauchte vier Wahlgänge bis Rubinowitz feststand. Aber freuen wir uns darüber, dass es ein humorvoller Text diesmal geschafft hat! Und es gab sie auch diesmal wieder, die Texte, die auf den Bewerb hingeschrieben wurden und durchfielen! Viele der Beiträge sind Auszüge aus Romanen, die kurz vor der Fertigstellung stehen, das heißt von den Verlagslektoraten schon geglättet und gebügelt sind. Der Bewerb wird meines Erachtens immer mehr zu einer Veranstaltung der Verlage, um eine Vermarktungsbühne für ihre geplanten Neuerscheinungen zu haben. Aber auch das gehört zum „Betrieb“ dazu.
Einen Seitenhieb muss ich aber noch anbringen: die hoch gelobte „heimliche Literaturhauptstadt“ Graz war gleich mit drei Autoren in Klagenfurt, und es schaffte niemand auch nur auf die Shortlist!
Was zeigte sich sonst? Namen von Autoren, die im Betrieb verankert sind, natürlich die haben einen Startvorteil, aber Garantie ist damit auch keine verbunden – siehe gerade die Grazer Autorinnen und Autoren!
Aber das Gegenteil, der total Unbekannte, der Newcomer, das im wahrsten Sinne unbeschriebene Blatt, hat auch keine Chance (siehe Tobias Sommer)
Sehr wohl jedoch Autoren, die, um das Wort von Maja Haderlap zu verwenden – eingespracht sind, nach der Russin 2012, der Autorin aus der Ukraine, kam diesmal mit Senthuran Varatharjah ein aus Sri Lanka gebürtiger Tamile zu Preisehren (3 Sat Preis). Das ist insoferne wichtig und gut, als es auch bei uns im ELKK Gespräche darüber gab, für das Reibeisen heimische Autoren zu forcieren. Und es ist doch interessant zu bemerken, dass die deutsche Sprache als Literatursprache eine gewisse Anziehungskraft hat.

Zusammenfassend, für alle, die nicht im Detail die Zeitungsmeldungen verfolgt haben:
13 Autoren stellten sich der Jury, 7 kamen auf die Shortlist: Michael Fehr (CH), Katharina Gericke (D), Anna-Kathrin Heier (D), Gertraud Klemm (A), Roman Marchel (A), Tex Rubinowitz (A), Senethuran Varatharajah (D).

Den Bachmannpreis € 25 000 gestiftet von der Stadt Klagenfurt – Tex Rubiowitz,
Kelag Preis € 10 000 : Michael Fehr
3 SAT Preis € 7 500 : Senethuran Varatharajah
Mr. Heyn’s Ernst Willner Preis  € 5 000 gestiftet von der Buchhandlung Heyn: Katharina Gericke
Publikumspreis € 7 000, gestiftet von der BKS-Bank: Gertraud Klemm

Einen herzlichen Glückwunsch allen Preisträgern und vielleicht gelingt es uns wieder einmal den oder einen Preisträger nach Kapfenberg zu bringen. Da die KELAG an unseren Stadtwerken nicht unwesentlich beteiligt ist, wäre das doch ein Möglichkeit zumindest den KELAG - Preisträger einzuladen!

Abschließend noch etwas: Die Rede von Maja Haderlapp zur Literatur „Im Licht der Sprache“ ist auf der Homepage des Bachmannpreises www.bachmannpreis.eu nachzulesen und steht als pdf Datei zum kostenlosen Download zur Verfügung. Ebenso die Texte aller Teilnehmer! Macht Gebrauch davon, vor allem die Rede von Haderlap lohnt es!