Sonntag, 18. Mai 2014

Sonntagstext - 18. Mai 2014



Aufenthalt  in  Ely

 von Dagmar Weck

 

Ziemlich leer ist die U 35, mein Gefühl von Angst ist stark,
es verläßt mich nicht, so sehr ich auch versuche, diesen
inneren Zustand unspürbar zu machen.
Ich unterliege.

Am Bochumer Hauptbahnhof steige ich aus, atme tief
durch, versuche wieder, Angst hier zu hinterlegen, Angst
geht mit mir mit.
Thorvald, ihn treffe ich in wenigen Minuten im Restaurant
"Zum Rumpelstilzchen". Unser Treffen wollte ich nicht ab-
sagen, Thorvald würde dann noch zorniger werden als sonst.
Also treffe ich auf ihn, heute.

Das Restaurant liegt in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofs,
mein Herz schlägt zu laut, Thorvald liebe ich nicht.

Es ist nicht meine Angst, die ich vor Thorvald habe, langsam
gehe ich, es ist eine grenzenlose Zustandsangst.

Angst, sie wird schlimmer, den Namen des Lokals sehe ich schon.

Thorvald, heute ist er vielleicht gnädig, parliert mit mir nicht wieder
so verzerrt, so hämisch.

Vielleicht läßt er meine Sätze, die ich sage beim Essen, stehen und
bricht sie nicht wieder mitten durch.

"Guten Abend, Thorvald," ich küsse ihn auf die Wange.
"Grüß Dich, Katharina," Thorvald hört sich normal an.


Freundlich begrüßt uns der Herr Ober und führt uns zu dem
von Thorvald bestellten Tisch am Fenster.

"Heute ist viel los in der Stadt, Thorvald," sage ich , "viele Leute
sind unterwegs."
Thorvald schaut mich an, sagt nichts. Er sieht sich im Lokal um.
Unser Herr Ober bringt uns die Speisekarten.
"Wir hätten gern zwei große Pils," bestellt Thorvald, "den Wein haben
wir zu Hause, den brauchen wir hier nicht zu trinken."
Unser Ober hat das mit dem Wein nicht mehr gehört.



"Wie war  's bei Dir heute?" frage ich den Mann vor mir.
"Am Freitag sind immer viele Leute unterwegs, das ist doch nichts
Besonderes," Thorvald trinkt sein halbes Bier leer, "wie es war?",
er trinkt die andere Hälfte schnell hinterher.

"Ich habe ja meine Strategien, Katharina, ganz gut war es.
Meine Ex-Frau hört nicht auf, mir Ärger zu machen, sie will unser
gemeinsames Haus verkaufen, das lasse ich mir nicht gefallen."
Leise spricht er, ohne erkennbare Melodie, nimmt meine Hand,
drückt sie sanft.

Der Abend wird vielleicht stabil bleiben.
Er schlägt unvermittelt mit seinem Zeigefinger auf den Tisch.
Rasch wird das nächste Pils geliefert, nach dem auch ich mich sehne.

"Gestern habe ich Aufsätze korrigiert," das Bier mundet, " es waren gute Ar-
beiten dabei."
Dieses Thema ist sicher wenig brisant, hoffe ich .

"So?" Thorvald sieht mich mit kleinen Augen an, "sooooo?"
Er lacht blutleer, es tut mir weh.
"Du bist viel zu gnädig mit Deinen Zensuren", erst jetzt sehen wir
uns die Speisekarte an, meine Hände schwitzen.

Ich möchte nicht hier sein, bin aber hier bei Thorvald, der immer
noch mein Geliebter ist. Pils um Pils wird von uns getrunken.
Einen Beginn fühle ich, wieder den Beginn, ich kann nicht von ihm
fortgehen, will es tun und gehe nicht, immer gehe ich nicht.
Ein neues harmloses Thema finde ich nicht mehr.

"Meine Ex ist so geldgierig, sie will mir schaden," Thorvald sieht mich
nicht an, er spricht auf den Tisch, "sie will mir einfach das Leben schwer-
machen, sie will nicht, dass ich mein Leben genieße."

Er hebt sein Glas, "dieses Lokal hat doch ein höchst gemütliches Am-
biente, nicht? Oh, Kathi, was muß ich durchmachen. Hier war
ich oft mit Liz, meiner Ex."

"Meine Aufsätze.....," ich breche ab.
"Laß doch die Schule, Katharina, wir genießen den Abend."
Er spricht sanft, ich weiß, lange dauert der weiche Wandel in
Thorvalds Stimmung nicht an.




 Wir bestellen unser Essen, mit abweisender Strenge behandelt
Thorvald unseren Herrn Ober.

Aufgeben möchte ich eigentlich meine Versuche, wieder ein
reizloses Thema zu finden, das Thorvalds Zynismus eindämmt.
"Du," in mein altes Verhalten falle ich zurück, " gestern habe ich
im Fernsehen einen alten Edgar-Wallace-Film gesehen, eine
ganze Reihe mit diesen Filmen läuft jetzt, die Filme finde ich so
süß!"

Der erste Gang kommt, die Suppe.
"Was? Haaa," Thorvald beginnt seine Suppe zu schlürfen,
sein Geschlürfe darf ich ihm nicht sagen, weil ich in mir Panik ver-
meiden will, Kritik führt bei diesem feindlichen Geliebten zu
unkontrollierten Ausbrüchen seiner Gefühle.

"Edgar Wallace," er spricht wieder leise, auch durch seine Zähne
hindurch. In den Schlürfpausen tritt ES wieder ein: er bewegt
seinen Mund nach vorne, spitzt ihn ein wenig, dann bewegt er
dieses Körperinstrument wieder breit nach hinten.

Werde ich untergehen bei ihm?
Ich selbst muß mich retten, und bin doch ohnmächtig.
"Wie kannst Du Dir nur diesen Blödsinn ansehen?" er spricht
mit Freude, "die Suppe ist gut. Du hast keinen Geschmack,
Kathi."

Möge dies das letzte Essen sein mit diesem Fiesling.
Noch weiß ich an diesem Abend nicht, was am nächsten Tag
geschehen wird.
 Noch weiß ich nicht, dass es noch Monate dauern wird, bis ich diesen
Teufel verlassen kann.
 "Ich kenne niemanden," Thorvald stellt seinen Suppenteller an die
Seite, " der solche Filme mag, das ist doch nicht mehr normal, so
was zu mögen."
Der zweite Gang kommt, weitere Biere werden von uns der Vernichtung
zugeführt.
"So viel Geld habe ich schon für meinen Anwalt ausgegeben, Kathi,"
Thorvald zerschneidet sein angeliefertes großes Steak.
Thorvald möchte ich am liebsten mit meinem Messer in die Hand
schneiden, ihm wehtun.
"Sieh Dir nicht noch mal Edgar Wallace an, ich warne Dich, sonst trete ich
Dich," der Teufelsgeliebte tritt sanft gegen mein Knie.



Jetzt müßte ich gehen, es gelingt mir nicht, etwas fehlt mir dazu,
darauf komme ich aber nicht.

"So schlimm fand ich Liz nicht, dass sie Dir so was antut, hätte ich nicht
von ihr gedacht."
Wieder der Versuch, noch etwas zu retten, vergeblich wird
auch dieser Versuch enden.
"Du verteidigst Liz auch noch?" er klopft mit seinem Messer auf seinem
Tellerrand herum.
"Nein," ich lächle ihn an, aus diesem Teufelskreis mit Thorvald komme
ich nicht heraus.
Einen Wert habe ich im Moment nicht mehr.

"Du lügst mich an," Thorvald untermalt mit seiner Gabel sein Tischkonzert,
unser Ober sieht zu uns herüber.
In unserer Nähe unterhalten sich Menschen und essen miteinander.
Sein Messer legt Thorvald hin, mit seiner rechten Hand schlägt er
auf meine rechte Hand, es tut weh.

Ich esse weiter, fange an zu weinen, esse fertig.

Thorvald sieht mich nicht an.
Zu dieser Welt gehöre ich nicht, und doch bin ich in dieser Welt,
ich muß es schaffen, von dem Schläger wegzugehen, wer bin ich?

Wem habe ich etwas nicht gegeben?
Wem habe ich keine Liebe gegeben, so dass ich jetzt alleine bin?
"Hmm," der Mann kaut, schaut mich von unten aus gesenkter Kopf-
position an, "das Steak ist gut."
Hilfe brauche ich.
"Gut angezogen sind die Gäste in diesem Lokal", höre ich mich sagen.
"Hmhm," sagt der Fremde an meinem Tisch, "eine Entschuldigung
muß man nicht sagen," mein Liebesteufel spricht, " man darf sich nicht
entschuldigen, denn sonst geht ja alles wieder von vorne los."

Mein Liebhaber, den ich loswerden will, ist verrückt geworden, oder
erklärt er sein weiteres Vorgehen?
Thorvald trinkt noch mehrere Ramazottis, ich bleibe beim Pils.


Aus dem Fenster sehe ich, Ely, ihr gilt meine Sehnsucht, der Kathe-
drale von Ely.

Ich bestelle mir noch einige Pilschen, wann beginne ich, an mich zu
glauben?



Ely, vor sechs Monaten habe ich diese Ely-Kathedrale besucht,
begleitet von zwei Freundinnen, denen ich meine Abwesenheit aus
dieser Welt nicht erzählen konnte.
Ely, in einer Bank konnte ich mich für einige Stunden aus meiner Thorvald-
-Welt verabschieden.
Ely gab mir einen Raum, friedlich, groß, Ely, ein stabiles Schiff aus
Stein, unzerstörbar, das vor Anker gegangen ist, um Menschen aufzu-
nehmen.
"Was denkst Du, Kathi?"
"Laß uns gehen, Thorvald."
Wir unarmen uns zum Abschied, jeder fährt mit dem Taxi in seine Wohnung.



Am nächsten Tag, eine Vorahnung hatte ich, glockt um zehn Uhr morgens mein
Telefon.
"Thorvald hier," verhaltene Stimme, "ich sollte besser mit meiner Hand
Brot schneiden," der Mann zögert, "ich habe was Schönes zu essen gemacht,
kommst Du gleich?"

In Ely bin ich lange herumgegangen, zu mir möchte ich gnädig sein, Thorvald
möchte ich schlagen.

An seiner Haustür glocke ich, er zeigt sich froh, dass ich gekommen bin.
Nach Likör riecht er, den er mir erst später anbietet.
Was mache ich mit mir selbst?

In Ely konnten Besucher auch etwas essen, Geschenke konnte man einkaufen,
Thorvald ist schwach, das ist mir klar, und doch fühle ich mich schuldig.
Mein Leben habe ich verkehrt.

So gefalle ich Thorvald.
Im Oktogon von Ely ist niemand schuldig.

Thorvald läßt mich in den Eßflur seiner Wohnung.
Er tischt Essen auf, hat sich Mühe gegeben, ist ungewöhnlich still.

Thore räumt schließlich ab.
Wir legen uns auf den Teppich seines Eßflures, in sein Wohnzimmer
darf ich nicht gehen, sein Schlafzimmer ist heute auch versperrt.



Wir führen den Liebesakt aus.


Wir sind fertig, Thorvald stöhnt noch ein wenig, ich bin froh,
kann nach Hause fahren.
Dann gehe ich.

Später, so gegen zwei Uhr in der Nacht, bekomme ich Panik und rufe die
Telefonseelsorge an.

Was fehlt mir?
Ein Geheimnis berge ich, was ist dessen Charakter?



Monate vergehen.
"Ihre Wut wird Thorvald nicht überleben," mein Psychiater rückt meine
kleine Welt zurecht, "Sie dürfen Wut haben, die kann Thorvald nicht ertragen."

Thorvald ruft mich nicht mehr an, den Augenblick, in dem meine Wut den Thorvald
erreicht hat, habe ich nicht bewußt mitbekommen, er war nur da, dieser
Augenblick.

So einfach kann das Leben sein.





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