Samstag, 10. Januar 2015

Offener Leseabend des ELKK - 8.01.2015

Als neues Angebot auf dem Blog veröffentlichen wir Texte des jeweils letzten Leseabends des ELKK. Rückmeldungen, wie Rezensionen, sind erwünscht. (Kommentarteil des Blogs)
Wir fangen heute an mit einem Gedicht von Sepp Graßmugg.



Erinnerungsfenster

Haben Sie mich
wieder gefunden…
Lassen Sie mich
doch in Ruhe.
Ich habe es satt.

Schwester, Schwester!
Man belästigt mich wieder.

Gehen Sie endlich.
Und vergessen Sie nicht
Ihren grässlichen Hut –
dieses lächerliche
Farbengemisch.

Schwester, Schwester!
Wo bleiben Sie denn?
Ich werde bedroht!

Meine Zeit ist knapp.
Gehen Sie endlich.
Nein, bleiben Sie hier.
Ich werde gehen –
zu meiner Frau.
Ich hab ihr versprochen,
sie zu besuchen.
Sie ist wunderschön,
und so bunt
sind ihre Hüte.

von Sepp Graßmugg
 



Kommentare:

  1. Die Überschrift ist der Schlüssel zum Verständnis des Gedichts. Es beschreibt die Gefühls- und Erlebniswelt eines (wahrscheinlich) an Alzheimer erkrankten alten Menschen im Altenheim. Seine Frau ist bereits vor ihm gegangen. Die wiederholten Rufe nach der Schwester unterstreichen die aufgewühlten Gefühle und lassen den Leser deren Intensität erspüren.
    Zur "Machart" des Gedichts:
    Es ist über große Strecken nicht lyrisch, soll heißen: Es wurde lediglich Prosa-Text in Form von Monologen zur Gedichtform umgebrochen. Die Texte sind gut, weil eindringlich - und sie erzeugen auch Bilder beim Leser. Jedoch sollte eine andere Darbietungsform gefunden werden. Die Gedichtform ist es in der vorliegenden Form nicht. Allenfalls kämen längere Zeilen
    infrage, um das störende Stakkato, das sich beim Lesen den Kurzzeilen für den Leser aufdrängt, zu eliminieren. Die Passagen mit dem Ruf nach der Schwester könnten aber belassen werden; sie würden sich dann vom übrigen "Langtext" abheben.
    Ich hoffe, ich konnte einige Anregungen geben.
    Reinhard M.

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  2. Eindringlich und berührend empfinde ich dieses Gedicht und teile so Tassos Einschätzung, sowie
    ich auch seinen Vorschlag hier gänzlich mitunterschreibe.

    Liebe sonntäglich Grüße
    isabella

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  3. Liebe Isabella,
    herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Nun, dann wollen wir hoffen, dass sich der Autor noch rührt!

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