Samstag, 12. September 2015

Deutsch-polnische Anthologie: Dzieciństwo w Polsce – Dzieciństwo w Niemczech / Kindheit in Deutschland – Kindheit in Polen*




Rezension
27 deutsche und polnische AutorInnen – aufgewachsen in Polen, der DDR, in Westdeutschland – erzählen aus ihrer Kindheit.
Hg. von Heinrich von der Haar im Verlag Heidi Ramlow, 2015. 316 S., 12 €, ISBN 978-3-939385-08-0.
Das Literaturkollegium Brandenburg besteht seit 25 Jahren und hat aus diesem Anlass eine Anthologie angeregt und herausgegeben, die sich mit der Kindheit in Polen/Deutschland beschäftigt. Nun ist so eine Anthologie und noch dazu mit diesem Thema immer ein gefährliches Unterfangen. Wir kennen zur Genüge, die Verklärung der Kindheit, wie schön damals alles war, wir haben zur Genüge schon gelesen, von den Menschen, welche die unglaublichen Umstürze, Änderungen, Verwerfungen unserer Zeit erlebt hatten. Unvergesslich bleiben dem aufmerksamen Leser, die bald nach der Wende einsetzenden „Klagelieder“ von Autoren aus der ehemaligen DDR. Sie standen oft unter dem Motto. „Wir waren zwar arm, aber glücklich“ Mit entsprechenden Vorbehalten geht der Leser daher eine an Anthologie heran, welche Texte von 27 Autorinnen und Autoren aus Polen, Deutschland enthält, natürlich auch solchen aus der ehemaligen DDR. Umso größer ist die Überraschung, wenn man ein wenig hineinblättert in diese Broschüre. Der älteste Teilnehmer Jahrgang 1930, der Jüngste Jahrgang 1991. Sie stammen aus der Provinz, aus der Stadt, sie leben in Berlin, in Warschau, in kleinen Städten am Lande, in fast vergessenen Dörfern. Natürlich, das Landleben, das einfache Leben, die ärmliche Kindheit, alles wird „bedient“ und doch, es ist eine interessante Gegenüberstellung der Träume des Kindes (an die sich der „abgeklärte, desillusionierte“, Erwachsene erinnert) mit der Realität des 21. Jahrhunderts. Pointiert formulierte Romanauszüge, Short stories, Gedichte, Tagebuchskizzen, eine unglaubliche Vielfalt an Formen der literarischen Gestaltung, ein demographisch und politologisch aber auch soziologisch ausgeprägter Kosmos tut sich vor dem Leser auf.  Es ist natürlich schwer, aus Beiträge von 27 unterschiedlichen Menschen herauszufiltern, hervorzuheben, was besonders beeindruckend oder literarisch ein außergewöhnliches Highlight wäre. Es wäre auch ungerecht. Die Übersetzungen, vielfach von den Autoren selbst verfasst oder zumindest betreut, aus dem Polnischen versuchen die Poesie der Sprache beizubehalten ohne dabei auf gekünstelte und modernistische Formulierungen so genannter deutscher Gegenwartslyrik zu verfallen. Dem Rezensenten würde es unfair erscheinen, diese Story, oder jenes Gedicht besonders zu erwähnen, die Kindheitsschilderung am flachen Land mit jeder in den Plattenbauten in den Bettenburgen des Real Existierenden Sozialismus zu vergleichen. Nehmen wir den Titel einer Erzählung (eines Romanauszuges) her: „Den Wurzeln entkommt man nicht“ so ist alles über diese Anthologie ausgesagt. Sie ist als Ganzes betrachtet, ein gelungener Versuch, dieses sperrige – weil anscheinend abgebrauchte – Thema grenz- und generationsübergreifend zu behandeln. Dem Rezensenten drängt sich die Idee auf, dies in weiterem Rahmen zu wiederholen oder zu erweitern: Eine Kindheit, auch in Österreich, auch Generationen erfassend, die Vielfalt der Bundesländer, und ganz besonders die Schicksalshaftigkeit des Seßhaftwerdens der hunderttausenden Heimatvertriebenen, die nach der Katastrophe des Weltkrieges gezwungen waren, eine neue Heimat zu finden. Deren Kinder noch in Barackenlagern aufwuchsen, und nun, zwei Generationen später, die Erzählungen der Großeltern mit der Realität des heutigen Österreichs vergleichen, das sich einerseits mit umwerfenden Herzlichkeit den Flüchtlingsströmen aus dem Nahen Osten widmet, anderseits ein auch nicht geringer Teil des selben Österreichs sich vehement dagegen wehrt und behauptet „Das Boot ist voll“. So eine Anthologie, verbunden mit einer Veranstaltungsreihe (in immerhin 20 deutschen und polnischen Städten gibt es Lesungen und Präsentationen der Anthologie) ist ein wichtiges Element des so notwendigen Aufeinander-Zugehens und wäre ein Vorbild für Literaturvereinigungen! Vielleicht finden sich – nein, nicht Nachahmer – Fortsetzer, Weitermacher. Es wäre aber auch schön und wichtig, die Autoren der deutsch-polnischen Anthologie nach Österreich einzuladen. Es gibt genug Kulturinstitutionen, die sich dem annehmen könnten, genug Städte und Orte in ganz Österreich, welche oftmals Geld für „Kulturveranstaltungen“  ausgeben, wo man die „Kultur“ suchen muss. Hier wäre eine Anregung für Verantwortliche: Da habt ihr nicht nur ein aktuelles Thema, sondern auch eine hochkarätige und literarisch wertvolle Basis für eure Kulturarbeit vor Ort. Dem Literaturkollegium Brandenburg sei Dank gesagt für diese Initiative und die überaus sorgfältige Zusammenstellung und Auswahl.

Hans Bäck, Kapfenberg,
Mitglied des Europa Literaturkreises Kapfenberg, des PEN-Trieste usw.

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