Samstag, 13. Juni 2015

Das, was ich mit Wolfgang St. am 31. Mai 2015 besprechen will



(c) Hans Bäck
Vielleicht hat jemand von Wolfgang St. gehört. Früher einmal, vor Jahren. Nun meine ich, ist er schon längst im „wohlverdienten“ Ruhestand, denn dieser gehört ja zu seinen „wohlerworbenen Rechten.“ Sie seien ihm gegönnt. Wahrscheinlich sitzt er nun irgendwo in der Waldeinsamkeit, träumt vor sich hin, züchtet Bienen oder Kaninchen oder macht sonst was. Oder auch nix. Auch das ist dem Wolfgang St. zuzutrauen. Dass er den ganzen Tag auf einer selbst gebastelten Bank sitzt, an seiner Zigarette zieht, hin und wieder an der Bierflasche zuzzelt und in die Sonne blinzelt. Gesprochen hat er öfter davon, dass er irgendwann einmal, wenn der Druck des Berufslebens weg wäre, dann auch, wie  andere Menschen die Möglichkeit haben  möchte, vor sich hinzuträumen. Ist ja kein schlechter Vorsatz.

Nun ist es ja so, dass Wolfgang St. und ich in der Vergangenheit uns immer wieder trafen, über alles und jedes und auch jeden sprachen. Meist dann, wenn sich Gesprächsstoff angesammelt hatte, ging von einem von uns beiden die Initiative aus „Du wir müssten darüber reden, wann hast den Zeit?“ Doch das war einmal, früher halt. Inzwischen hat sich soviel angesammelt, dass ich es mir direkt überlege, Wolfgang St. in seiner Waldeinschicht aufzusuchen. Ich kann mir gut vorstellen, ihn dort anzutreffen, so  wie oben beschrieben, auf der Bank in der Sonne, eine Bierflasche in der einen Hand, in der anderen  die unvermeidliche Zigarette. Er würde, wenn er meine Schritte vernimmt, einmal die Augen beschatten und entgegenblinzeln. „Ja hallo, was führt denn dich da zu mit her oder hast dich im Wald verirrt“ So oder ähnlich würde er mich begrüßen. Die Aufforderung neben ihm auf der Bank Platz zu nehmen, dabei würde er ein paar getrocknete Pilze beiseite schieben, neben sich in den Schatten unter die Bank greifen und mir eine Bierflasche hinhalten. „Nimm nur, ist bis vor Kurzem noch im Brunnentrog gewesen, hat die Idealtemperatur“ Dann würden wir mit den beiden Flaschen zusammenstoßen, so wie früher eben und einen ordentlichen Schluck Bier nehmen. Wahrscheinlich würden zuerst einmal ganz banale Dinge aufs Tapet kommen, so etwa was gemeinsame Bekannte machten, wer gestorben sei, all das, was halt Freunde, die sich nach langer Zeit wieder treffen daher reden. Später dann, beim dritten oder vierten Bier, kämen wir wahrscheinlich zur Sache. Und die Sache wäre, so wir früher auch, eben das mit den Büchern. Da konnten wir beide stundenlang darüber reden, über ein neues Buch, ein neues Theaterstück usw. Ich würde beispielsweise anschneiden, wie die subtile Zensur der Gutmenschen die literarische Produktion beeinträchtigt. Auf die Aufforderung Wolfgangs ein Beispiel zu nennen, könnte ich ja auf die Tatsache hinweisen, dass es heute verboten ist, in einem Text von einem wohlformten langen Damenbein zu schreiben, der Schreiber würde sofort des Sexismus bezichtigt werden. Wolfgang würde seinerseits darauf hinweisen, dass es heute für einen Autor jenseits der Siebzig unmöglich sei, über Sex zu schreiben, außer es heiße Walser. Es würde  die Erinnerung kommen, an das Stück „Gespenster“ vom Wolfi Bauer im Grazer Schauspielhaus. Wir wären uns sofort einig, dass ein derartiges Stück jetzt nicht mehr geschrieben werden könne. Und wenn es geschrieben würde, meinte Wolfgang St., dann käme es nie mehr zu einer Aufführung. Allein der Satz „Alle Sportler sind Warme“ käme heute unmöglich in einem Stück vor, dürfe keinesfalls auf einer Bühne gesprochen werden. Vom Nordkap bis Gibraltar und von Dublin bis Fehring würden sämtliche Gutmenschen aufheulen und die Diskriminierung von sexueller Orientierung anprangern. Wolfgang würde noch ergänzen, dass wir zu den Gutmenschen noch die Gutmenschinnen dazu nehmen müssten, denn sonst würde uns die Gleichbehandlungskommission im Genick sitzen. Immerhin ist es an österreichischen Fachhochschulen schon Vorschrift, die Diplomarbeiten gendergerecht zu verfassen, sonst könne es passieren, dass die Arbeit nicht angenommen oder gar nicht bewertet würde. Der Diplomant könne ohne weiteres einen wissenschaftlichen Schwachsinn schreiben, wichtig ist nur die Verwendung des Binnen I oder anderer Formen des geschlechtsneutralen Schreibens. Und niemand riskiert deswegen eine Ablehnung seiner mühevoll erstellten Diplomarbeit und beuge sich daher vorauseilend der Zensur.
Tief und ausgiebig rülpsend würde sich Wolfgang St. zurücklehnen und abschließend sagen, wie froh er sei, im tiefen Wald zu leben und sich mit den ganzen Scheiss nicht mehr auseinander setzen zu müssen. Mit den besten Wünschen für seine Waldesruh würde ich mich dann von ihm verabschieden, nicht ohne anzukündigen, wenn mich wieder etwas ärgere, zu kommen. Das Gespräch mit ihm ändere zwar nichts an den unerfreulichen Tatsachen, aber es erleichtere ungemein.

Hans Bäck
31. Mai 15

Kommentare:

  1. Wie könnte jemand das Wort "Diplomand" gendergerecht schreiben?
    Und "Gutmenschenfeind"?
    Mei, bini heit grauslich!

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  2. Wie könnte jemand das Wort "Diplomand" gendergerecht schreiben?
    Und "Gutmenschenfeind"?
    Mei, bini heit grauslich!

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