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Samstag, 11. Juli 2015

Die 39. Tage der deutschsprachigen Literatur '15


Ein zusammenfassender Bericht von Reinhard Mermi 

auch in diesem Jahr verschwand der eine oder andere Text (samt Autor) im Dunkel des Dreiecks gebildet von den Eckpunkten aus Frankfurter Würstchen, Affenhitze und Bonsai-Barock oder wurde - so der Autorin Teresa Präauer mit ihrem Text "Oh, Schimmi!" bei der Preisvergabe geschehen - einfach durchgereicht. "Immergrüner Psychoterror" betitelte dann auch am 8. Juli die FAZ in ihrem Feuilleton das Wettlesen um den heurigen Bachmannpreis passend. Dort in Klagenfurt, das bekanntlich in Österreich am schönen Wörthersee liegt, wo man keine Wiener sondern "Frankfurter Würstchen" im ORF-TheaterCafé verspeist (man ißt bekanntlich keine Landsleute auf), dort bekamen bei sommerlicher Affenhitze gleich mehrere Autoren von der Jury sprichwörtlich "ihr Fett weg": Von "Bonsai-Barock" oder auch einem "riesigen Floskel-Haufen" war da zeitweise die Rede.

Doch bekanntlich kommt es anders als ...!

Teresa Präauer - hier während ihrer Lesung zu sehen -
vermochte sich mit ihrem Text "Oh, Schimmi" schluss-
endlich doch nicht durchzusetzen  - (c) ORF / Johannes Puch

Apropos "Affen..." zu einem solchen - und nicht nur im sprichwörtlichen Sinn - machte sich in Präauers Text auch der verschmähte Liebhaber, frei nach dem Motto: "Lass mich dein Primat sein" (so getitelt auch von Gerrit Bartels in "Der Tagesspiegel" vom 4. Juli). Von „Zauberstück auf offener Bühne“ bis „unglaubliche Lockerheit beim Erzählen“ reichte das Lob für Präauer, die erzählte, oder noch mehr: Ihren "verdrehten" Text mit den darin enthaltenen Popkultur-Elementen gekonnt performte: "Wir", sage ich zu Ninni, "du und ich", und ich sage es sehr ruhig, "wir sind füreinander gemacht. Die Ninni und ihr Aff." Love, Laff, Laff.
Die Jury war des Lobes voll, und so dachte man am letzten Lesungstag (Samstag), mit Teresa Präauer die diesjährige Bachmannpreisträgerin gefunden zu haben....

Geteiltes Leid ist halbes Leid! 


Ein ähnliches Los ereilte die schweizer Autorin Monique Schwitter, die auf Einladung von Hildegard E. Keller am 2. Lesungstag, nach Präauer, gelesen hatte, und ebenfalls als eine aussichtsreiche Kandidatin für den diesjährigen Bachmannpreis gehandelt wurde. In ihrem Text "Die Esche" muss ein homosexueller Mann entscheiden, ob seine demente Mutter auf einem Friedwald begraben werden soll.


Monique Schwitter las am 2. Lesungstag auf Einladung der
Jurorin Hildegard E. Keller nach Teresa Präauer ihren
aussichtsreichen Text mit dem Titel: "Die Esche".  - (c) ORF / Johannes Puch
Dabei zeigt sich im Laufe dieser "schrägen Geschichte", dass es nicht nur bei der  elterlichen "Ménage à trois" im Umfeld der Geschehnisse bleibt. Die Jurorin Sandra Kegel war  „interessiert und fasziniert“ und auch Klaus Kastberger - der "Bad Guy" unter den Juroren -  fand gut, dass in der Handlung immer etwas Neues hinzukomme, die Begebenheiten seien „genau richtig schräg“ und erfreut stellte er fest, dass nicht nur die Autorin, sondern auch ihr Text frech seien und „eine Schnauze haben“.

Und die Verlierer:


Jürg Halter, Bern - Autor und Performance-
künstler - (c) ORF / Johannes Puch
Weitgehend enttäuschend waren die diesjährigen Beiträge der sich ohnehin in der Minderzahl befindlichen männlichen Autoren - "lediglich vier(!) von insgesamt vierzehn Autorinnen und Autoren!" - die "sang- und klanglos" im diesjährigen Wettbewerb untergingen; vorweg der schweizer Autor und Performancekünstler Jürg Halter. Er machte am 3. und letzten Lesungstag den Anfang mit dem Text "Erwachen im 21. Jahrhundert" durch den er mit monotoner Stimme "zwischen 5 Uhr 20 und 7 Uhr 55" schlafwandelte und dabei seine tiefgründigen Beobachtungen und Weisheiten verkündete.
"Was ist nur mit dem Schweizer Mann los?", fragte dann auch Klaus Kastberger (seiner Rolle in der Jury entsprechend) boshaft lächelnd in die Runde – und setzte gleich noch eine kleine Gemeinheit hinzu: Diese Weltverbesserungsprosa sei doch, wie wenn man Jean Ziegler zwei Schlaftabletten gegeben hätte.


Der 3sat-Preis für einen groß angelegten literarischen Text -


"Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit", dieser Text erzählt die Geschichte und die politische Wende Rumäniens anhand der Kindheits- und Jugenderinnerungen und des aktuellen Lebens einer Frau in Bukarest nach. „Der Text ist witzig, sehr gut gelesen, hat einen gewissen Twist, den man nicht auf den ersten Blick erkennt, dadurch wird er zu einer herrlichen Satire in drei Etappen“, das war die Meinung des Juror Hubert Winkels über den Text der Autorin Dana Grigorcea, die auf Einladung von Hildegard E. Keller las, und fügte noch hinzu: „Besser kann man die Geschichte Rumäniens fast nicht erzählen“. Sandra Kegel wiederum erspürte aus dem Text einen "märchenhaften" Grundton, dessen ironische Art sie anrührend erreicht habe.

Preisverleihung: Dana Grigorcea (Bildmitte) - (c) ORF / Johannes Puch
 Eine Komödie und zugleich Tragödie erkannte Stefan Gmünder und bescheinigte dem Text, dass hier „in der Schwere der Erzählung eine Leichtigkeit mitschwinge“. Auf Platz 3 in seinem persönlichen „Der-beste-erste-Satz-Ranking“reihte Kastberger den Satz „Rapineu wohnte zwei Straßen entfernt und war Vaters Schulfreund“ ein. "Der Satz sage ihm, dass der folgende Text über 800 Seiten gehen könnte und deute auf einen großen Gesellschaftsroman hin". Lob auch von seiner Seite für die unterschiedlichen Stimmlagen in der Geschichte sowie im Vortrag.

Kelag-Preis und BKS-Publikumspreis:

Auch wenn's nicht der Bachmannpreis wurde - Die Grazerin Valerie Fritsch konnte sich letztendlich freuen! Sie las den Text „Das Bein“. Eine Vater-Sohn-Geschichte über einen alten Mann, dessen Bein amputiert wurde und seinen Sohn, der erkennen muss, dass sein Vater wohl bald sterben wird - ein Text über die Vergänglichkeit des Lebens. "Er kam heim wie alle Kinder, zu spät, alt, dem falschen Anlass folgend, schon an der Tür mit der Ahnung einer Vergeblichkeit, von der er nicht wusste, was ihr zugrunde lag." - Bereits der erste Satz ließen die Eindringlichkeit des Textes, seine bildhaften Beschreibungen und seine literarische Qualität erahnen, und so zeigte sich auch Meike Feßmann in ihrer Eigenschaft als Jurorin berührt von der Handlung der Geschichte, eine „seltene Mischung aus kühler Souveränität und überraschender Einfühlsamkeit“.Von "schmerzender Scham" des Vaters ob des fehlenden Beins war die Rede: "Der Stumpf war ihm ein Geheimnis, das er mit niemandem teilen mochte, eine Intimzone, die er beschützte und so sorgfältig versteckte wie sein Geschlecht."


Lesung: Valerie Fritsch - (c) ORF / Johannes Puch
Valerie Fritsch las auf Einladung von Klaus Kastberger. Der Juror bezeichnete ihren Text als „literarischsten Text, den wir bisher gehört haben. Ein Text, der sich in lange literarische Traditionen hinein begibt“. So könne es mit Literatur weitergehen, meinte Kastberger, und sah die junge Autorin in den Spuren von Ingeborg Bachmann.
Große Zustimmung gabs auch von Stefan Gmünder (Juror), für die aus seiner Sicht ebenfalls stimmigen Bilder und Metaphern sowie für die insgesamt „meisterhafte“ Arbeit der Autorin. Gmünder: Der Text wirke auf ihn „wie eine literarische Patience die ausgespielt wird“, und er fügte hinzu: „Es ist sehr schwer, gegen diesen Text etwas vorzubringen.“ Leiser Widerspruch regte sich nur bei Hubert Winkels (Leiter der Jury) - jedoch nur „ganz milde“ - wie er sich ausdrückte. Winkels: Der Text habe ein überschaubares Terrain und sei für die Rettung der Literatur nicht in Anspruch zu nehmen. Winkels: „Es ist ein guter Text. Aber das ist es dann auch.“ Seiner Meinung nach handelt es sich um eine „ödipale Geschichte“ mit überschaubarer „allegorischer Dichte“. Und es gebe durchaus ein paar Dinge, die ihn stören, die „zu dick aufgetragen“ seien.

Kastberger betonte abschließend noch einmal, schon im Hinblick auf die Preisverleihung und mit einem Augenzwinkern, die große Leistung des Textes und seine „Gegenwärtigkeit“. Er kenne nicht viele solcher Texte und hoffe, dass beim Abstimmen am Sonntag niemand von seinen Jury-Kollegen vergesse, was jetzt gesagt wurde. Er habe - zur Sicherheit - mitgeschrieben.

Die Bachmann-Preisträgerin '15:

Nora Gomringer las auf Einladung von Sandra Kegel ihren Text "Recherche". In einem mehrstöckigen Wohnhaus stürzte sich ein 13-jähriger, vermutlich homosexueller, Bub, vom Balkon. Eine Frau will mehr herausfinden über die Umstände dieses Selbstmordes und recherchiert.

Nora Gomringers Text löste im Publikum langen Applaus und Jubel aus. Die Jury diskutierte um existenzielle Fragen wie der nach Literatur in der Cloud. Nora Gommringer performte gekonnt mit unterschiedlichen Stimmen ihren Textvortrag gleich einer Poetry Slammerin. Die veranlasste Kastberger, der der Autorin eine "glänzende Performace" bescheinigte, die Fragestellung aufzuwerfen, ob der Text ohne laut vorgelesen (und performt) zu werden, dieselbe Wirkung erzielen würde. Würde der Text außerhalb dieser Lesung - ohne "tddl" - bestehen? Habe doch Gomringer quasi „als Medium den Text aus der Cloud geholt um ihn uns vorzutragen.“

"In Performance": Nora Gomringer  -  (c) ORF / Johannes Puch
Jury-Vorsitzender Hubert Winkels verglich die Lesung mit einem Hörspiel und empfand sie als „großartig und abwechslungsreich“. Er thematisierte die veränderte Mediensituation in der Literatur. Schon lange gäbe es Diskussion darüber, inwiefern sich das Publikum und die Jury von der Art des Vortrages beeinflussen lassen und Meike Feßmann sah ein „kategoriales Problem“ darin. Gomringers Geschichte sei „als Text nicht so wirksam wie als Performance“. Alle waren sich einig, dass sich die Rezeption von Literatur mit den neuen Medien verändert habe - gleiche Chancen für alle Autoren und Vortragende.
Sandra Kegel, die Nora Gomringer eingeladen hatte, verortete den Beitrag als „Verstörungskomödie“, und sah „einen meisterlich komponierter Text“. Winkels fand darüber hinaus auch Gefallen am „jandlhaften Sprachspielgedicht“ im letzten Teil der Lesung und Gmünder schloss sich den positiven Kommentaren an: „Genial gemacht“, lautete sein knapper Kommentar. Er schätze die vielen Figuren in der Handlung.



Im Bild: Dana Grigorcea, der Moderator
Christian Ankowitsch, Nora Gomringer,
Valerie Fritsch. -  (c) ORF / Johannes Puch

Und im Nachhinein scheint alles gut:

"Am Ende gewinnt die Zauberkünstlerin" so titelte Wiebke Porombka, Klagenfurt, in der "Zeit-Online" am 5. Juli und schrieb weiters: "So viele gute Texte für so wenige Preise: Der Jahrgang des diesjährigen Bachmann-Wettbewerbs war ungewöhnlich stark." - Dem kann man sich nur anschließen. 

Vielleicht noch eines zum Nachdenken: "Literatur, die (*weiblich)" - titelte das Meinungsmedium "der Freitag" am 7. Juli und Anne Utz, Mitglied in der Freitag-Community, blogte: "#tddl Selbstverständlich hat eine Frau den Bachmannpreis gewonnen. Die Männer werden sich noch umschauen, wenn die Frauen sie überholen."





 

Samstag, 13. Juni 2015

Noch ein Gedanke zum Thema Immigration.



(c) Reinhard Lackinger
Eines Tages - 2005 oder so - kam ein junger Mann in unsere Taverne hier

in Salvador, Bahia, Brasilien. Er sagte, er sei Deutscher, sprach aber ein sehr rudimentäres Deutsch.
Darauf erzählte er, sein Großvater sei in den 60er Jahren von der Türkei in die Budesrepublik migriert. Dieses Bild passte gut zu Tilo Sarrazins Buch, das ich vor einiger Zeit gelesen hatte.
Als wir 2013 nach langen Jahren wieder nach Europa reisten. beobachtete
ich Folgendes: Gleich nach der Ankunft in Frankfurt schob ich das Wägelchen mit den Koffern zur Autovermietung. Der junge Mann, der mich sehr gut bediente hieß Karim. Auch sprach er perfekt deutsch ... jedoch mit merkbarem ausländischen Akzent. Eben so, wie ich heute noch portugiesisch mit österreichischem Akzent spreche.

In Österreich interagierte ich mit Personal aus Kroatien und Ungarn. Wieder zurück in Frankfurt wiederholte sich die mir nicht ganz verständliche Szene. Junges Personal, bester Serviçe, schönes Deutsch ... mit ausländischem Akzent. Sowohl in der Garage und beim Zurückgeben des Leih- wagens, als auch beim Bezahlen der Differenz. Herr Karim hatte mir den Aufpreis für die Vollkasko-Versicherung angedreht. Als ich die Höhe des noch zu beahlenden Betrags hinterfragte, überrschte
mich der junge Ausländer auch noch mit einem lustigen Schmäh, den sich ein Deutscher wahrschein- lich nicht erlaubt hätte.
"Steuern!", sagte er und lachte!" "Vater Staat will auch seinen Teilkassieren! Drum bist Du ja sicher weg von Deutschland"!, fügte er noch hinzu. Dann lachten wir beide! Auch beim Check-In und im Hotel hatten wir nur mit Ausländern zu tun, die uns gut bedienen und pefektes Deutsch sprachen.
Meine Frage:"Wie werden die Deutschen von heute mit der Tatsache fertig, daß nicht mehr nur ausländische Handlanger rührig sind im Lande, sondern auch sehr viele gebildete, gut ausgebildete und kompetente Menschen," blieb bis heute unbeantwortet.

Salvador, 27. Mai 2015
Reinhard Lackinger

Das, was ich mit Wolfgang St. am 31. Mai 2015 besprechen will



(c) Hans Bäck
Vielleicht hat jemand von Wolfgang St. gehört. Früher einmal, vor Jahren. Nun meine ich, ist er schon längst im „wohlverdienten“ Ruhestand, denn dieser gehört ja zu seinen „wohlerworbenen Rechten.“ Sie seien ihm gegönnt. Wahrscheinlich sitzt er nun irgendwo in der Waldeinsamkeit, träumt vor sich hin, züchtet Bienen oder Kaninchen oder macht sonst was. Oder auch nix. Auch das ist dem Wolfgang St. zuzutrauen. Dass er den ganzen Tag auf einer selbst gebastelten Bank sitzt, an seiner Zigarette zieht, hin und wieder an der Bierflasche zuzzelt und in die Sonne blinzelt. Gesprochen hat er öfter davon, dass er irgendwann einmal, wenn der Druck des Berufslebens weg wäre, dann auch, wie  andere Menschen die Möglichkeit haben  möchte, vor sich hinzuträumen. Ist ja kein schlechter Vorsatz.

Nun ist es ja so, dass Wolfgang St. und ich in der Vergangenheit uns immer wieder trafen, über alles und jedes und auch jeden sprachen. Meist dann, wenn sich Gesprächsstoff angesammelt hatte, ging von einem von uns beiden die Initiative aus „Du wir müssten darüber reden, wann hast den Zeit?“ Doch das war einmal, früher halt. Inzwischen hat sich soviel angesammelt, dass ich es mir direkt überlege, Wolfgang St. in seiner Waldeinschicht aufzusuchen. Ich kann mir gut vorstellen, ihn dort anzutreffen, so  wie oben beschrieben, auf der Bank in der Sonne, eine Bierflasche in der einen Hand, in der anderen  die unvermeidliche Zigarette. Er würde, wenn er meine Schritte vernimmt, einmal die Augen beschatten und entgegenblinzeln. „Ja hallo, was führt denn dich da zu mit her oder hast dich im Wald verirrt“ So oder ähnlich würde er mich begrüßen. Die Aufforderung neben ihm auf der Bank Platz zu nehmen, dabei würde er ein paar getrocknete Pilze beiseite schieben, neben sich in den Schatten unter die Bank greifen und mir eine Bierflasche hinhalten. „Nimm nur, ist bis vor Kurzem noch im Brunnentrog gewesen, hat die Idealtemperatur“ Dann würden wir mit den beiden Flaschen zusammenstoßen, so wie früher eben und einen ordentlichen Schluck Bier nehmen. Wahrscheinlich würden zuerst einmal ganz banale Dinge aufs Tapet kommen, so etwa was gemeinsame Bekannte machten, wer gestorben sei, all das, was halt Freunde, die sich nach langer Zeit wieder treffen daher reden. Später dann, beim dritten oder vierten Bier, kämen wir wahrscheinlich zur Sache. Und die Sache wäre, so wir früher auch, eben das mit den Büchern. Da konnten wir beide stundenlang darüber reden, über ein neues Buch, ein neues Theaterstück usw. Ich würde beispielsweise anschneiden, wie die subtile Zensur der Gutmenschen die literarische Produktion beeinträchtigt. Auf die Aufforderung Wolfgangs ein Beispiel zu nennen, könnte ich ja auf die Tatsache hinweisen, dass es heute verboten ist, in einem Text von einem wohlformten langen Damenbein zu schreiben, der Schreiber würde sofort des Sexismus bezichtigt werden. Wolfgang würde seinerseits darauf hinweisen, dass es heute für einen Autor jenseits der Siebzig unmöglich sei, über Sex zu schreiben, außer es heiße Walser. Es würde  die Erinnerung kommen, an das Stück „Gespenster“ vom Wolfi Bauer im Grazer Schauspielhaus. Wir wären uns sofort einig, dass ein derartiges Stück jetzt nicht mehr geschrieben werden könne. Und wenn es geschrieben würde, meinte Wolfgang St., dann käme es nie mehr zu einer Aufführung. Allein der Satz „Alle Sportler sind Warme“ käme heute unmöglich in einem Stück vor, dürfe keinesfalls auf einer Bühne gesprochen werden. Vom Nordkap bis Gibraltar und von Dublin bis Fehring würden sämtliche Gutmenschen aufheulen und die Diskriminierung von sexueller Orientierung anprangern. Wolfgang würde noch ergänzen, dass wir zu den Gutmenschen noch die Gutmenschinnen dazu nehmen müssten, denn sonst würde uns die Gleichbehandlungskommission im Genick sitzen. Immerhin ist es an österreichischen Fachhochschulen schon Vorschrift, die Diplomarbeiten gendergerecht zu verfassen, sonst könne es passieren, dass die Arbeit nicht angenommen oder gar nicht bewertet würde. Der Diplomant könne ohne weiteres einen wissenschaftlichen Schwachsinn schreiben, wichtig ist nur die Verwendung des Binnen I oder anderer Formen des geschlechtsneutralen Schreibens. Und niemand riskiert deswegen eine Ablehnung seiner mühevoll erstellten Diplomarbeit und beuge sich daher vorauseilend der Zensur.
Tief und ausgiebig rülpsend würde sich Wolfgang St. zurücklehnen und abschließend sagen, wie froh er sei, im tiefen Wald zu leben und sich mit den ganzen Scheiss nicht mehr auseinander setzen zu müssen. Mit den besten Wünschen für seine Waldesruh würde ich mich dann von ihm verabschieden, nicht ohne anzukündigen, wenn mich wieder etwas ärgere, zu kommen. Das Gespräch mit ihm ändere zwar nichts an den unerfreulichen Tatsachen, aber es erleichtere ungemein.

Hans Bäck
31. Mai 15

Sonntag, 31. Mai 2015

Sie lesen in Klagenfurt

Die Teilnehmer für den "Bachmannpreis 2015" stehen fest. Auch 2015 sind wieder 14 Teilnehmer beim Wettlesen mit dabei.


Hier gehts weiter [...]

 

Die Tage der deutschsprachigen Literatur 2015 finden von 1. bis 5. Juli im ORF-Theater des ORF-Landesstudio Kärnten statt. Die Eröffnung des Bewerbes mit der Auslosung der Lesereihenfolge erfolgt am Mittwoch (1. Juli). Gelesen und diskutiert wird von Donnerstag (2. Juli) bis Samstag (4. Juli). Am Sonntag (5. Juli) findet die Schlussdiskussion mit der Preisvergabe statt.


Daniela Strigl wird diesmal als Jurymitglied nicht dabei sein. Als Grund nannte sie Unstimmigkeiten wegen des Juryvorsitzes nach dem Rücktritt von Burkhard Spinnen.



 


Die Einladung



von Ferdinand Planegger

„Post für Dich mein Schatz, richtige Post, ein echter Brief“, ruf ich meiner Frau durch die halbgeöffnete Küchentür zu, als ich vom täglichen Briefkastenleeren nach dem Nachdenkspaziergang zurück komme.
„Was? Post für mich? Von wem? fragt mich Regina zwischen zischenden Dampfgeräuschen und metallischen Klappern von hastig zur Seite geschobenen Küchenutensilien. Sie ist wieder einmal in ihrem Element. Mich zu bekochen ist ihre große Leidenschaft.  Beim Ausziehen meiner Schuhe wird deutlich, wo und wie sich ihre Kochkunst niederschlägt. In gebückter Haltung, den Hintern an der Wand, des Gleichgewichts wegen, mit einer Hand die Laufschuhe von den Füßen zerrend, erkenne ich den Absender.
„Ein Brief von unserer Bank“, presse ich aus mir heraus.
„Mach ihn bitte auf und lies vor. Ich kann nicht, ich habe fettige Hände.“
Der Brief fühlt sich edel an. Ich ziehe einen Folder aus feinstem Papier mit Reliefprägung aus dem Kuvert und lese vor:
„Der Vorstand der Bank lädt sie herzlich zum Literatur-Talk im Donau-Forum in Linz ein. Der österreichische Schriftsteller und Bestseller-Autor Daniel Glattauer liest aus seinem neuen Buch“. Das Rahmenprogramm sieht eine Signierrunde mit dem Autor vor. Selbstverständlich steht ein Büchertisch mit allen Werken von Daniel Glattauer zur Verfügung. Wir freuen uns auf Ihr Kommen.“
„Und der Brief ist an mich gerichtet?“
„Ja, an dich. Nur an Dich!“
„Und Du? Hast Du keine Einladung bekommen?“
Ich krame den Wust an Werbeprospekten, Gratiszeitungen und sonstigen Briefkastenfüllern durch.
„Nein, da ist nichts.“
Ich verkneife meine Enttäuschung und sage nicht, was ich denke. Nämlich, dass meiner Meinung nach der Bank ein grober Fehler unterlaufen ist, denn eigentlich kann ja nur ich als Interessent für kulturelle Veranstaltungen gemeint sein.
Ich gebe zu, dass die Bank nicht wirklich wissen kann, dass ich schreibe. Aber warum dann Regina?  Ich bin doch der „Literat“ in diesem Haus. Meine Frau liest zwar meine Geschichten, korrigiert meine Texte, aber sonst ist sie Leserin, keine Schreiberin.
„Ist doch egal, Ferdinand. Du weißt ja, ich gehe gerne auf Deine Lesungen, andere interessieren mich nicht so sehr. Du gehst als meine Vertretung zu dieser Lesung. O.k?“
Was soll ich da antworten? Sie ist so angenehm pragmatisch, meine Gute. Mein anfänglicher Frust ist schon am Abklingen und ich fange an, mich für den Abend mit Daniel Glattauer einzustimmen. Als erstes besorge ich mir die hochgelobte Neuerscheinung. Seine letzten Bestseller „Gut gegen Nordwind“ und den Folgeroman „Alle sieben Wellen“ habe ich gern gelesen.
„Leichte Kost“ würden meine Kollegen und insbesondere die vortragenden Schriftsteller der Literatur-Akademie lästern.
Egal, ich mag sie trotzdem, die Glattauer´s, die Glavinic´s und so weiter.

Donau-Forum, wo ist das?
Linz ist nicht meine Stadt, ich fühle mich fremd hier. Die Erinnerungen an längst vergangene Zeiten sind negativ. Damals in den 70ern hatte ich hier Arbeit gesucht.
„Als Fliesenleger im Winter? Keine Chance“, sagte mir ein Sachbeabeiter am Arbeitsamt.
„Aber ich brauche dringend Arbeit, egal was, ich mache alles.“
Ich schämte mich, keine Arbeit zu haben. Als Fliesenleger arbeitslos zu sein, war von vornherein verdächtig.
„Gehen Sie halt stempeln und kommen Sie im Frühjahr wieder.“
„Das kann ich nicht, mir fehlen die notwendigen Beitragszeiten.“
„Also gut, ich schau mal nach“. Er blätterte in seiner Kartei, taxierte mich prüfend  und meinte etwas skeptisch:
„Im Hafen hätt ich was. Verladearbeiten. Da sind sie überqualifiziert, das wird Ihnen nicht gefallen.“
Tat es auch nicht, aber was sollte ich tun? Ich hatte keine Wahl, ich war total abgestürzt, wie man so sagt. Kein Bett, nichts zu Essen, vom Rauchen und Trinken gar nicht zu reden.

Vier Tage habe ich Asbestballen von Donauschleppern in Eisenbahnwaggons umgeladen. Händisch und mit der Sackrodel. Abends wankte ich wie besoffen in das zugeteilte Arbeiterquartier. Dass es in diesem Dreckloch stank und muffig war, spielte keine Rolle. Hauptsache ein Dach über dem Kopf und ein paar geschenkte Zigaretten von Hafenarbeitern.
Am Freitag gab es Vorschuss auf den Lohn und ich betrat zum ersten Mal die Kantine. Was für ein Festessen! Ein bis an den Rand gefülltes Teller mit würziger Gulaschsuppe, Brot dazu und Bier. Drei Halbe.
Mein Körper revoltierte. Gulaschsuppe samt Bierschaum kamen magenwendend zurück, das Klo hatte ich knapp verpasst. Der Wirt hat mich rausgeschmissen, der Vorarbeiter auch. Ich war wieder arbeitslos und zog weiter in Richtung Innenstadt. An der unteren Donaulände saß ich auf einer Bank, sah den Möwen zu und dachte an ein besseres Leben.

Jetzt, in diesem erträumten Leben, stehe ich an gleicher Stelle, nur einen Steinwurf von dieser Bank entfernt.  Nur der Blick zum Pöstlingberg ist der gleiche, die Umgebung spiegelt sich in Glasfasaden der Linzer Kulturmeile.
Es ist noch eine Stunde Zeit bis zur Lesung, einige Besucher stehen mit mir am Aschenbecher vor dem Glas-Marmor-Palast. Der Eingangsbereich ähnelt einer Aula, kleine Gruppen diskutierender Literaturliebhaber stehen vereinzelt vor dem Übergang ins Foyer des Auditoriums. Eine dauerlächelnde Hostess scannt meine Einladungskarte und mir wird in diesem Moment klar, dass diese Lesung nichts mit jenen zu tun hat, die ich in der Vergangenheit besucht habe. Das hier ist keine heimelige Bibliothek mit Sesselkreisen um den Autor, kein intimes Zusammenrücken zwischen Literaturfreunden. Meine Hoffnung, irgendwen zu treffen den ich kenne, ist vergeblich. Ich schlängle mich durch die, mit damastweißen Tischtüchern dekorierten, Stehtische an denen hunderte Menschen mit Sektflöten und Weinschwenkern smalltalken.
„Ein Glas Sekt für den Herrn?“, lispelt mir eine junge Auszubildende zu. „Haben Sie auch was Alkoholfreies?“, frage ich freundlich. Vermutlich wurde sie abkommandiert für diesen Job, sie wirkt ein wenig schüchtern und unsicher. Das macht sie zu einer Seelenverwandten, denn mir geht es auch nicht viel besser.
„Ich hole Ihnen ein Wasser“, sagte sie und suchte nach einer Möglichkeit, die vollen Sektgläser irgendwo abzustellen.
„Das ist aber nett von Ihnen. Geben Sie mir das Tablett, ich halte das solange für Sie“, sage ich im väterlichen Ton.
Die Wartezeit auf mein Mineralwasser wird durch ein fröhliches, älteres Ehepaar abgekürzt, sie halten mich für den Sekt-Servierer und räumen kurzerhand den gesamten Vorrat an Trinkbarem ab. Auch gut, jetzt habe ich wenigstens die Hände wieder frei. Janette, der Name steht auf ihrem Namenschild, ist mit meinem Getränk zurück, bedankt sich überschwänglich und wünscht mir einen angenehmen Abend.
Ich fühle mich nicht wohl in diesen Menschentrauben, irgendwann gebe ich es auf, nach bekannten Gesichtern zu suchen und schlendere weiter in Richtung Veranstaltungssaal und Bühne. Gigantisch. Das ist mein erster Eindruck. Ich bin einer der Ersten hier im Auditorium und bewege mich zum vorderen Bühnenrand. Die ersten zehn Sesselreihen sind alle reserviert. Auch für mich? Immerhin steht auf der Einladung, dass für mich, respektive für Regina, ein Platz reserviert ist. Ich will mich nicht auf irgendwelche Diskussionen einlassen und steuere den mittleren Bereich ohne Reservierung an. Die Sicht auf die Bühne ist gut, außerdem ist das gar nicht mehr so wichtig, denn die Videowall ist so riesig, dass man auch ganz hinten im Raum bestens sehen und hören kann.
Vereinzelt sitzen ein paar Sektverweigerer verloren in einem Meer von Sesselreihen. Ich zähle soweit ich sehen kann, den Rest schätze ich auf fünfzig Stühle nebeneinander vor der Bühne. Nach hinten sind es etwa dreißig Reihen.
Der kleine Lesetisch, gerademal groß genug für das Manuskript des Autors und dem obligaten Wasserglas, bildet mit  dem spartanischen Sessel eine einsame Symbiose.
Nur gedämpftes Gemurmel der Aperativschlürfer dringt in den Saal. Ich sitze bequem, fußfrei, im mittleren Besucherblock. Wer früher kommt, hat die Auswahl, wenigstens für heute stimmt das. Der Programmfolder dient meinen Händen als Beschäftigung für die rauchfreie Zeit. Es herrscht im gesamten Gebäude Rauchverbot. Es mehren sich die Argumente, endlich mit dem Rauchen aufzuhören, denke ich. Meine Alkoholsucht habe ich erfolgreich bekämpft, mit dem Nikotin bin ich noch nicht so weit. Vermutlich weil das Rauchen keine sozialen Probleme bereitet. Oder doch? Mittlerweile werden Raucher immer öfter ausgegrenzt, vor die Tür verbannt, abgesondert.

Von der Video-Wall schaut das Bild von Daniel Glattauer direkt in die Sesselreihen. Ich und wahrscheinlich jeder hier im Raum, muss den Eindruck gewinnen, dass er ihm oder ihr direkt in die Augen schaut. Gut gemacht. Neben dem Bild des Schriftstellers stehen die Slogans: Bestsellerautor, vier oder noch mehr Millionen verkaufte Bücher – Trotz Superlative nicht abgehoben – Mensch wie du und ich – Geerdet.
Ich ertappe mich beim Fantasieren. Was wäre wenn? Wenn ich von da oben herunterlächeln würde, mein Buch vorgestellt würde, ich vom Moderator begrüßt und vom Publikum mit Applaus empfangen würde. Wie mich die Menschen bedrängen würden, ihnen zu erzählen, wie ich das alles geschafft habe.
Wie wäre es, wenn mein Wort mehr Gewicht kriegte, ich mir gescheite Sätze einfallen lassen müsste, um meinen Erfolg zu rechtfertigen. Ich glaube, Erfolg kann betrunken machen – glücklich betrunken oder poetisch – Trunken vor Glück. Das wäre der Rausch, den ich mir noch zugestehen würde.
Ja, ich würde was tun. Mein Anliegen sind die Leute vom Rand. Es gibt zu wenig Stimmen die gehört werden. Das zu ändern wäre eine Aufgabe.
Ich habe nicht bemerkt wie sich der Saal füllte, das Licht gedämmt wurde und der Moderator mit dem Veranstalter das Podium betreten hat. Applaus lässt die Luft vibrieren, das bringt mich zurück in die Wirklichkeit. Daniel Glattauer wird vom Direktor des Hauses angesagt und betritt die Bühne. Applaus! Kein Gejohle und Gepfeiffe, nur respektvoller Applaus.
Glattauer begrüßt fast ein bisschen verlegen das Publikum, stellt seine Geschichte vor und erklärt den Leuten, wie es dazu kam. Des Schriftstellers zweite Kunst ist das Interpretieren seines Werkes, den Wörterteppich aufzurollen und den Zuhörer mitzunehmen in seine Welt. Hier und heute ist das fraglos gelungen.
Ich stelle mich nicht in die endlose Schlange, um das Buch vom Autor signieren zu lassen. Ich gehe still und leise aus dem Auditorium. Ich will nach Hause an meinen Schreibtisch. Ich muss die Reise zu meinen Traum beginnen.
  von Ferdinand Planegger


„Post für Dich mein Schatz, richtige Post, ein echter Brief“, ruf ich meiner Frau durch die halbgeöffnete Küchentür zu, als ich vom täglichen Briefkastenleeren nach dem Nachdenkspaziergang zurück komme.
„Was? Post für mich? Von wem? fragt mich Regina zwischen zischenden Dampfgeräuschen und metallischen Klappern von hastig zur Seite geschobenen Küchenutensilien. Sie ist wieder einmal in ihrem Element. Mich zu bekochen ist ihre große Leidenschaft.  Beim Ausziehen meiner Schuhe wird deutlich, wo und wie sich ihre Kochkunst niederschlägt. In gebückter Haltung, den Hintern an der Wand, des Gleichgewichts wegen, mit einer Hand die Laufschuhe von den Füßen zerrend, erkenne ich den Absender.
„Ein Brief von unserer Bank“, presse ich aus mir heraus.
„Mach ihn bitte auf und lies vor. Ich kann nicht, ich habe fettige Hände.“
Der Brief fühlt sich edel an. Ich ziehe einen Folder aus feinstem Papier mit Reliefprägung aus dem Kuvert und lese vor:
„Der Vorstand der Bank lädt sie herzlich zum Literatur-Talk im Donau-Forum in Linz ein. Der österreichische Schriftsteller und Bestseller-Autor Daniel Glattauer liest aus seinem neuen Buch“. Das Rahmenprogramm sieht eine Signierrunde mit dem Autor vor. Selbstverständlich steht ein Büchertisch mit allen Werken von Daniel Glattauer zur Verfügung. Wir freuen uns auf Ihr Kommen.“
„Und der Brief ist an mich gerichtet?“
„Ja, an dich. Nur an Dich!“
„Und Du? Hast Du keine Einladung bekommen?“
Ich krame den Wust an Werbeprospekten, Gratiszeitungen und sonstigen Briefkastenfüllern durch.
„Nein, da ist nichts.“
Ich verkneife meine Enttäuschung und sage nicht, was ich denke. Nämlich, dass meiner Meinung nach der Bank ein grober Fehler unterlaufen ist, denn eigentlich kann ja nur ich als Interessent für kulturelle Veranstaltungen gemeint sein.
Ich gebe zu, dass die Bank nicht wirklich wissen kann, dass ich schreibe. Aber warum dann Regina?  Ich bin doch der „Literat“ in diesem Haus. Meine Frau liest zwar meine Geschichten, korrigiert meine Texte, aber sonst ist sie Leserin, keine Schreiberin.
„Ist doch egal, Ferdinand. Du weißt ja, ich gehe gerne auf Deine Lesungen, andere interessieren mich nicht so sehr. Du gehst als meine Vertretung zu dieser Lesung. O.k?“
Was soll ich da antworten? Sie ist so angenehm pragmatisch, meine Gute. Mein anfänglicher Frust ist schon am Abklingen und ich fange an, mich für den Abend mit Daniel Glattauer einzustimmen. Als erstes besorge ich mir die hochgelobte Neuerscheinung. Seine letzten Bestseller „Gut gegen Nordwind“ und den Folgeroman „Alle sieben Wellen“ habe ich gern gelesen.
„Leichte Kost“ würden meine Kollegen und insbesondere die vortragenden Schriftsteller der Literatur-Akademie lästern.
Egal, ich mag sie trotzdem, die Glattauer´s, die Glavinic´s und so weiter.

Donau-Forum, wo ist das?
Linz ist nicht meine Stadt, ich fühle mich fremd hier. Die Erinnerungen an längst vergangene Zeiten sind negativ. Damals in den 70ern hatte ich hier Arbeit gesucht.
„Als Fliesenleger im Winter? Keine Chance“, sagte mir ein Sachbeabeiter am Arbeitsamt.
„Aber ich brauche dringend Arbeit, egal was, ich mache alles.“
Ich schämte mich, keine Arbeit zu haben. Als Fliesenleger arbeitslos zu sein, war von vornherein verdächtig.
„Gehen Sie halt stempeln und kommen Sie im Frühjahr wieder.“
„Das kann ich nicht, mir fehlen die notwendigen Beitragszeiten.“
„Also gut, ich schau mal nach“. Er blätterte in seiner Kartei, taxierte mich prüfend  und meinte etwas skeptisch:
„Im Hafen hätt ich was. Verladearbeiten. Da sind sie überqualifiziert, das wird Ihnen nicht gefallen.“
Tat es auch nicht, aber was sollte ich tun? Ich hatte keine Wahl, ich war total abgestürzt, wie man so sagt. Kein Bett, nichts zu Essen, vom Rauchen und Trinken gar nicht zu reden.

Vier Tage habe ich Asbestballen von Donauschleppern in Eisenbahnwaggons umgeladen. Händisch und mit der Sackrodel. Abends wankte ich wie besoffen in das zugeteilte Arbeiterquartier. Dass es in diesem Dreckloch stank und muffig war, spielte keine Rolle. Hauptsache ein Dach über dem Kopf und ein paar geschenkte Zigaretten von Hafenarbeitern.
Am Freitag gab es Vorschuss auf den Lohn und ich betrat zum ersten Mal die Kantine. Was für ein Festessen! Ein bis an den Rand gefülltes Teller mit würziger Gulaschsuppe, Brot dazu und Bier. Drei Halbe.
Mein Körper revoltierte. Gulaschsuppe samt Bierschaum kamen magenwendend zurück, das Klo hatte ich knapp verpasst. Der Wirt hat mich rausgeschmissen, der Vorarbeiter auch. Ich war wieder arbeitslos und zog weiter in Richtung Innenstadt. An der unteren Donaulände saß ich auf einer Bank, sah den Möwen zu und dachte an ein besseres Leben.

Jetzt, in diesem erträumten Leben, stehe ich an gleicher Stelle, nur einen Steinwurf von dieser Bank entfernt.  Nur der Blick zum Pöstlingberg ist der gleiche, die Umgebung spiegelt sich in Glasfasaden der Linzer Kulturmeile.
Es ist noch eine Stunde Zeit bis zur Lesung, einige Besucher stehen mit mir am Aschenbecher vor dem Glas-Marmor-Palast. Der Eingangsbereich ähnelt einer Aula, kleine Gruppen diskutierender Literaturliebhaber stehen vereinzelt vor dem Übergang ins Foyer des Auditoriums. Eine dauerlächelnde Hostess scannt meine Einladungskarte und mir wird in diesem Moment klar, dass diese Lesung nichts mit jenen zu tun hat, die ich in der Vergangenheit besucht habe. Das hier ist keine heimelige Bibliothek mit Sesselkreisen um den Autor, kein intimes Zusammenrücken zwischen Literaturfreunden. Meine Hoffnung, irgendwen zu treffen den ich kenne, ist vergeblich. Ich schlängle mich durch die, mit damastweißen Tischtüchern dekorierten, Stehtische an denen hunderte Menschen mit Sektflöten und Weinschwenkern smalltalken.
„Ein Glas Sekt für den Herrn?“, lispelt mir eine junge Auszubildende zu. „Haben Sie auch was Alkoholfreies?“, frage ich freundlich. Vermutlich wurde sie abkommandiert für diesen Job, sie wirkt ein wenig schüchtern und unsicher. Das macht sie zu einer Seelenverwandten, denn mir geht es auch nicht viel besser.
„Ich hole Ihnen ein Wasser“, sagte sie und suchte nach einer Möglichkeit, die vollen Sektgläser irgendwo abzustellen.
„Das ist aber nett von Ihnen. Geben Sie mir das Tablett, ich halte das solange für Sie“, sage ich im väterlichen Ton.
Die Wartezeit auf mein Mineralwasser wird durch ein fröhliches, älteres Ehepaar abgekürzt, sie halten mich für den Sekt-Servierer und räumen kurzerhand den gesamten Vorrat an Trinkbarem ab. Auch gut, jetzt habe ich wenigstens die Hände wieder frei. Janette, der Name steht auf ihrem Namenschild, ist mit meinem Getränk zurück, bedankt sich überschwänglich und wünscht mir einen angenehmen Abend.
Ich fühle mich nicht wohl in diesen Menschentrauben, irgendwann gebe ich es auf, nach bekannten Gesichtern zu suchen und schlendere weiter in Richtung Veranstaltungssaal und Bühne. Gigantisch. Das ist mein erster Eindruck. Ich bin einer der Ersten hier im Auditorium und bewege mich zum vorderen Bühnenrand. Die ersten zehn Sesselreihen sind alle reserviert. Auch für mich? Immerhin steht auf der Einladung, dass für mich, respektive für Regina, ein Platz reserviert ist. Ich will mich nicht auf irgendwelche Diskussionen einlassen und steuere den mittleren Bereich ohne Reservierung an. Die Sicht auf die Bühne ist gut, außerdem ist das gar nicht mehr so wichtig, denn die Videowall ist so riesig, dass man auch ganz hinten im Raum bestens sehen und hören kann.
Vereinzelt sitzen ein paar Sektverweigerer verloren in einem Meer von Sesselreihen. Ich zähle soweit ich sehen kann, den Rest schätze ich auf fünfzig Stühle nebeneinander vor der Bühne. Nach hinten sind es etwa dreißig Reihen.
Der kleine Lesetisch, gerademal groß genug für das Manuskript des Autors und dem obligaten Wasserglas, bildet mit  dem spartanischen Sessel eine einsame Symbiose.
Nur gedämpftes Gemurmel der Aperativschlürfer dringt in den Saal. Ich sitze bequem, fußfrei, im mittleren Besucherblock. Wer früher kommt, hat die Auswahl, wenigstens für heute stimmt das. Der Programmfolder dient meinen Händen als Beschäftigung für die rauchfreie Zeit. Es herrscht im gesamten Gebäude Rauchverbot. Es mehren sich die Argumente, endlich mit dem Rauchen aufzuhören, denke ich. Meine Alkoholsucht habe ich erfolgreich bekämpft, mit dem Nikotin bin ich noch nicht so weit. Vermutlich weil das Rauchen keine sozialen Probleme bereitet. Oder doch? Mittlerweile werden Raucher immer öfter ausgegrenzt, vor die Tür verbannt, abgesondert.

Von der Video-Wall schaut das Bild von Daniel Glattauer direkt in die Sesselreihen. Ich und wahrscheinlich jeder hier im Raum, muss den Eindruck gewinnen, dass er ihm oder ihr direkt in die Augen schaut. Gut gemacht. Neben dem Bild des Schriftstellers stehen die Slogans: Bestsellerautor, vier oder noch mehr Millionen verkaufte Bücher – Trotz Superlative nicht abgehoben – Mensch wie du und ich – Geerdet.
Ich ertappe mich beim Fantasieren. Was wäre wenn? Wenn ich von da oben herunterlächeln würde, mein Buch vorgestellt würde, ich vom Moderator begrüßt und vom Publikum mit Applaus empfangen würde. Wie mich die Menschen bedrängen würden, ihnen zu erzählen, wie ich das alles geschafft habe.
Wie wäre es, wenn mein Wort mehr Gewicht kriegte, ich mir gescheite Sätze einfallen lassen müsste, um meinen Erfolg zu rechtfertigen. Ich glaube, Erfolg kann betrunken machen – glücklich betrunken oder poetisch – Trunken vor Glück. Das wäre der Rausch, den ich mir noch zugestehen würde.
Ja, ich würde was tun. Mein Anliegen sind die Leute vom Rand. Es gibt zu wenig Stimmen die gehört werden. Das zu ändern wäre eine Aufgabe.
Ich habe nicht bemerkt wie sich der Saal füllte, das Licht gedämmt wurde und der Moderator mit dem Veranstalter das Podium betreten hat. Applaus lässt die Luft vibrieren, das bringt mich zurück in die Wirklichkeit. Daniel Glattauer wird vom Direktor des Hauses angesagt und betritt die Bühne. Applaus! Kein Gejohle und Gepfeiffe, nur respektvoller Applaus.
Glattauer begrüßt fast ein bisschen verlegen das Publikum, stellt seine Geschichte vor und erklärt den Leuten, wie es dazu kam. Des Schriftstellers zweite Kunst ist das Interpretieren seines Werkes, den Wörterteppich aufzurollen und den Zuhörer mitzunehmen in seine Welt. Hier und heute ist das fraglos gelungen.
Ich stelle mich nicht in die endlose Schlange, um das Buch vom Autor signieren zu lassen. Ich gehe still und leise aus dem Auditorium. Ich will nach Hause an meinen Schreibtisch. Ich muss die Reise zu meinen Traum beginnen.