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Dienstag, 5. September 2017

Milan Ráček: "Die Wiedergänger - oder Lenins zweite Revolution - Buchbesprechung



Milan Ráček
„Die Wiedergänger – oder Lenins zweite Revolution“
Roman aus dem Jenseits
Edition Roesner
ISBN 978-3-903059-12-2


Einst sagte Marcel Reich Ranicki nach der Lesung von Herman Burger in Klagenfurt (1985) „Ja, hätten wir einmal was“  und dieser Satz fiel mir ein, nachdem ich das Buch, eigentlich das sehr schmale Buch (was sind schon 157 Seiten für einen Roman aus dem Jenseits!) von Milan Ráček gelesen hatte. Das kleine Paket vom PODIUM, das mir Hannes Vyoral zugesandt hatte – im heißen August des Jahres 2017 – geöffnet und hineingeblättert und dann umgehend zu Lesen begonnen. Gut, 157 Seiten sind an sich bald gelesen, aber...
dann habe ich bedauert, dass nicht mehr Seiten sind, dass „es“ so rasch endet, aus ist usw. Was gibt es Besseres über ein Buch zu sagen, nach einem Lesesommer, der durchaus mit interessanter Lektüre beschickt war und zum Ausklang dann diesen Roman aus dem Jenseits bescherte.
Da muss ein Präparator mit 70 doch einmal in Pension gehen, fürchtet die Leere danach und beschließt eine sehr sorgfältig geplante Methode seines Abschieds von dieser Welt. Und, siehe da, er wird „drüben“ (oder „oben oder „dazwischen“) bereits sehnsüchtig erwartet, geht es darum einer Reihe von Mumien, den später so definierten „Erhaltenen“ fehlende oder abhanden gekommene Körperteile fachgerecht zu ersetzen. Warum das im Jenseits notwendig sein sollte? Nein, das verrate ich nicht, es ist unstatthaft alle Ereignisse eines spannenden Buches in der Rezension vorweg zu nehmen, der Leser soll ja auch den Genuss des Entdeckens haben. Jedenfalls der Präparator findet eine Unmenge an Arbeit vor, hat alle Hände voll zu tun, um einfache mumifizierte Mönche aus Palermo, Soldaten des Ersten Weltkrieges, aber auch Prominente, von denen man als Leser (und auch der Protagonist) nicht erwarten würde, sie in dieser Zwischenstufe der Seligkeit, vor der Entscheidung nach „Oben“ oder nach „Unten“ anzufinden. Wer hätte gedacht, dass derjenige, der Millionen von Opfern, den Mord an der Zarenfamilie, die Teilung der Welt usw.  zu verantworten habe, „noch“ in der Zwischenstufe anzufinden sei. Auch der Präparator hätte ihn zumindest in den Regionen des „Unten“ vermutet, doch wird er von der „Obrigkeit“ des Besseren belehrt und er beginnt sein Restaurierungswerk auch an Lenin, trotz der ursprünglichen Ablehnung der Person und der Lehre. Die Gespräche zwischen den Beiden sind indes ein Meisterwerk des dialektischen Materialismus, den hatte der Autor ja während seiner Universitätszeit in der damaligen CSSR ja studieren müssen, es macht Vergnügen zwanzig Jahre nach dem Ende des Real Existierenden Sozialismus das noch einmal in so geschliffener Form nachzulesen. Doch es ist ja nicht nur Lenin, der den Künsten des Präparators anvertraut wird, es folgen eine Reihe bekannter (Vlad III genannt Dracula, Eva Peron um zwei Extreme zu nennen) und unbekannter Mumien. Dabei ist höchst interessant zu erfahren, was denen bei der Mumifizierung angetan wurde, welche Körperteile beschädigt wurden, und ganz spannend, welche Methoden derzeit angewendet werden, wie auch hier die Entwicklung fortgeschritten ist, was heute möglich ist, um Körper für eine „Ewigkeit“ die ja so ewig nicht sein wird zu erhalten.

Genug der Hinweise und Vorwegnahmen, es gibt nur einen Ratschlag: Du lieber Leser, kauf das Buch, die € 24,90 sind gut angelegt, und vor allem, Du wirst das Buch immer wieder zur Hand nehmen (und nicht nur dann, wenn Du wissen willst, wie es in der Ewigkeit zugeht).
Milan Ráček, hat hier eine Kostbarkeit, eigentlich von einem Autor seines Ranges zu erwarten, vorgelegt. Schön, dass es das gibt!



Hans Bäck
Kapfenberg
PODIUM Mitglied,
PEN Trieste

Samstag, 10. September 2016

Buchbesprechung: "Der Weisheit letzter Schuss"



von Klemens Renoldner
 Sonderzahlverlag ISBN 978-3-85449-454-6


Klemens Renoldner legt nach Romanen, Erzählungen und vor allem Arbeiten u. a. zu Stefan Zweig wieder einen köstlichen Band mit Erzählungen vor. Doch stockt der Rezensent, sind Kurzabrisse von knapp 2 Seiten Erzählungen? Nach der klassischen Definition sicher nicht. Was dann? Nun über Klassifizierungen, Einreihungen, Ordnungskasteln mögen sich andere den Kopf zerbrechen. Halten wir uns an das, was da ist. Von wankelmütigen Weltbürgern, fadenscheinigen Biotopen und gutartigen Bühnenschönheiten steht im Untertitel. Auch werden im ersten Teil des Bandes 23 Romane angekündigt, die kein Ende finden. Das sind, ich bleibe bei Miniaturen, wer andere Bezeichnungen mag, soll sie sich suchen. Der Autor führt uns aufgrund seiner langjährigen Tätigkeiten rund um die Welt in diese hinaus, lässt uns skurille Typen erleben. Ob es die letzte Weihnachtsfeier des totkranken Joseph Roth 1938 in Paris ist, ein Verkauf eines renommierten Champagnergutes an einen internationalen Konzern oder die Uraufführung von 14 Orchestersuiten nach den Gärgeräuschen in den Flaschen des heranreifenden Champagners war – Renoldner legt seine Finger an die Stelle, auf die es ankommt, legt sein Ohr an jene Wand, hinter der genau das zu hören ist, was unwichtig aber hörenswert ist. Er scheut auch nicht den Aufstieg auf den oberösterreichischen Traunstein, um so nebenbei mitzuteilen, dass dort oben in der Gmundnerhütte die Portion Schinkenfleckerl € 4,50 kostet. Kleinigkeiten eben, sorgfältig aneinander gereiht, poliert und aufbereitet, sodass der Leser, jedesmal nach den zwei Seiten denkt, warum endet das jetzt? Allerdings, ein wenig Kritik sei auch gestattet. Wenn wir weiter lesen, zum zweiten Teil „aus fremden Städten und Ländern“ kommen, wird es etwas beliebig. Die Schilderung der Linzer Luft, des Stiftungsfestes im Internat in Kremsmünster, ja das sind Geschichten, die dem Leser unterkommen, untergekommen sind. Dazu braucht es doch noch einer Wiederholung? Anderseits die Wege mit Friedrich Heer, das Wachrufen der Erinnerung an diesen Großen Österreichs, das ist ganz bestimmt notwendig und verdienstvoll. An Friedrich Heer sollte mehr und öfter gedacht werden, als in ein paar schmalen Seiten eines Erzählbandes – vielleicht regt der Autor damit jemand an? Wünschenswert und notwendig wäre es!
Bei der weltweiten Tätigkeit des Autors bleibt es nicht aus, dass er die Leser mit Detailschilderungen aller möglichen (und auch unmöglichen) Stationen überfällt. Ob es die Museen sind (es ist gut zu wissen, in welchen gottvergessenen Nestern es Museen gibt), natürlich die Theater, ob diese in Paris, Bern, Italien, in den Weiten der USA sind, ob es zur Waldheimzeit in London war, Renoldner lässt uns wissen: Er war dort, er war dabei. „Kyselak war hier“ fällt einem unwillkürlich ein. Na klar, die „Diktatur der Anständigkeit“ in der Schweiz und da ganz besonders in Bern, ist für einen Österreicher schon eine gewisse Herausforderung – eigentlich erzählt jeder, der einige Jahre in diesem Land verbrachte, Ähnliches. Das ist Bedienen von Klischees, jedoch und das gesteht der Rezensent gerne zu, gut gemacht und amüsant geschrieben. Die Berliner Szenen gefallen sehr, auch weil sie die Abrissmanie gezielt aufs Korn nehmen und dem sinnlosen Wiederaufbau verschiedener historischer „Notwendigkeiten“ gegenüberstellen. Allerdings, damit komme ich zum Schluss, die Ausflüge in die Salzburger Provinz, ob Anthering oder im unmittelbaren Festspielbezirk, wären m. E. verzichtbar. Ebenso die Anekdoten aus dem Theaterleben, zu sehr erinnern einige an den drittklassigen Schauspieler, der in der kommenden Saison bei der Neuinszenierung von „Schneewittchen“ den vierten Zwerg hintergründig anlegen wird. Aber zu Füllung des Bandes und als heitere Zwischendurchlektüre sind auch diese Texte weit besser als vieles, was uns da unter diesem Sujet oft angeboten wird.


Hans Bäck
Europa Literaturkreis Kapfenberg

Montag, 25. Juli 2016

Buchbesprechung von Hans Bäck



Warten auf Beckett

Sprachminiaturen von Rudolf Kraus
(Verlagshaus Hernals, ISBN978-3-902975-37-9)


Gut, dass im Anhang Hinweise sind, wer die Personen waren/sind, welche in den Miniaturen vorkommen. So ist es auch Maturanten der österreichischen Schulen möglich zu erfahren, wer beispielsweise Wislawa Szymborska, Giordano Bruno oder Johannes Urzidil waren. Der Rezensent hatte im Jahre 2015 erlebt, dass sechs Maturanten aus fünf Klassen einer Handelsakademie mit dem Namen Rainer Maria Rilke nicht anzufangen wussten. So ist es begrüßenswert, dass auf diese Art Nachhilfeunterricht erteilt wird. Wobei zu befürchten steht, dass jene, welche die Nachhilfe brauchen würden, diese Sprachminiaturen gar nicht in die Hand bekommen.  Als nächste Befürchtung äußert der Rezensent, dass die Damen und Herren mit einem Text wie „wenn die fackel brennt/blenden die wahren heuchler/mit sanfter zunge“ gewidmet Karl Kraus auch nicht viel anfangen könnten. Na ja. Lassen wir das, das Jammern über das Niveau der österreichischen Schulbildung ist nicht Gegenstand einer Rezension eines Werkes von Rudolf Kraus.
Fünfunddreißig „Sprachminiaturen“ legt Kraus nun vor. Für Geister, Widmungen, Dedikationen, zu gedichtet und Freundschaft überdauert die Zeit (amicitia vincit horas) ist einmal eine „grobe“ Einteilung – darf man bei diesen Texten überhaupt von „grob“ schreiben oder auch nur daran denken? Aber ja, Kraus spricht aus, was es ist – beispielsweise in der Widmung an Giordano Bruno: „Unhörbar schrie er/zum himmel/aufblickend/als man ihn verbrannte. Diese Sprachminiaturen sind geschliffen, aber nicht glatt, abweisend. Geschliffen im Sinne von bearbeitet, und gerichtet. Zielgerichtet, wie es eigentlich in der Lyrik kaum mehr vorkommt. Es ist nichts im Nebel der Wörter verborgen, aber es sind wunderbare und kraftvolle Bilder welche der Dichter uns anbietet: „der schlaf hat innere augen/und mit welchem auge du dann siehst/entscheidest nicht du/etwas kommt unerwartet/unermesslich einzigartig/gespenstisch/wie ein nie erlebter/nie dagewesener/kuss (der Beginn einer „Zudichtung“ an Henry Miller).
Da haben wir schon etwas in der Hand, das einmal über die Lektüre eines Sommerabends hinaus geht.  Ein Bändchen, das man gerne liegen lassen kann, es nicht sofort in den Bücherschrank einordnen muss und immer einmal zur Hand nimmt. So an einem ruhigen Abend, mit einem Glas Wein oder im Gedanken an Vergangene, Vergangenes wie den Klub der 27.
Rudolf Kraus, kraushaarrudi auch genannt, ein höchst produktiver Autor aus Niederösterreich in Wien und Bad Fischau lebend, erfreut und überrascht immer wieder mit Miniaturen, wie er bereits einmal in einem Band angekündigt hatte: „Ein Ende ist nicht abzusehen“ Fein, lieber Kollege! Wir warten drauf!


Hans Bäck, Kapfenberg

Montag, 16. November 2015

Buchbesprechung: Das Killer-Phantom



von Manfred Chobot
36 Mini-Krimis

erschienen bei:
© Erhard Löcker GesmbH, Wien 2015
Herstellung: Prime Rate, Budapest
ISBN 978-3-85409-688-7
Nach dem „Dr. Mord“ schlägt Manfred Chobot wieder zu. Es gibt nichts zwischen Himmel und Erde, zwischen Neusiedlersee und Bodensee, das nicht irgendwann einmal in einen Polizeibericht, in ein Verhandlungsprotokoll Eingang findet. Und damit dem Manfred Chobot die Möglichkeit gibt, diese Vorfälle aufzuarbeiten oder zumindest ein wenig zu bearbeiten. Denn, was macht er damit? Eher knochentrocken kommen die 36 Mini-Krimis daher. Man sucht vergebens, gibt es einmal eine Zuneigung zu einem Opfer, eine Abscheu gegenüber einem Täter? Nein, der Autor – oder soll man sagen der Berichterstatter – zieht sich hinter die Fakten zurück. Das Elend das oftmals dahinter steckt, der Antrieb zu den unglaublichsten Handlungen ist, das Geltungsbedürfnis das die Menschen zu Taten treibt, die unvorstellbarsten Motive, all das blättert der Autor vor uns auf. So auf, die Art: „Schaut nur her, und denkt daran, das ist noch lange nicht alles, wozu wir Menschen in der Lage sind!“ Das Schmunzeln bei einzelnen Beiträgen gefriert dem Leser, es weicht einem Kopfschütteln. Wenn man nicht wüsste, dass, ... aber nein, der Autor kennt aufgrund seiner Lebensgeschichte ganz sicher noch die legendäre Kabarettsendung im sonntäglichen Radio: „Der Watschenmann“ wo es immer wieder hieß: „solchene Sachen lassen sich nicht erfinden, nicht einmal von unserem Etablissement“ – nein, lieber Manfred Chobot, ich gebe Dir Recht: Solchene Sachen lassen sich nicht erfinden, nicht einmal von einem Manfred Chobot. Die Frage bleibt: was soll es, was will der Autor damit? Eine neue Reihe der unzähligen Krimis eröffnen? So, nach den unsäglichen Orts- und Regionalkrimis nun die Krimis aus der universellen Tatenreihe und dem universellen Täterkollektiv? Burghard Spinnen meinte einmal in seiner Funktion als Juryvorsitzender in Klagenfurt, er mag keine Dorfgeschichten mehr lesen. Das kann man ja fortsetzen: Wer mag denn Krimis aus Hinterhaxenhausen lesen, den verhinderten Kriminalinspektor vom Posten Oberbrunzenbrunn bei der Aufklärung der Dorfintrige beobachten oder der Entdeckung von Malversationen des Bürgermeisters von Vorderbrennesselbergen durch eine charmante Kanzleigehilfin mitverfolgen. Man kennt das doch alles, diese Bücher sind alle nach einem Schema gestrickt, so ähnlich wie die erfolgreichen Novellen aus den div. Schreibschulen und Akademien für kreatives Schreiben. Also, das vermeidet Chobot, das erspart er uns. Im Gegenteil, seine Tatorte sind weltweit, obwohl sie sehr lokal zuordenbar scheinen. Wer kann denn nicht und niemals Täter sein? Ehepaare oder Eheleute? Politiker (Achtung, es gilt die Unschuldsvermutung)? Alle sowieso Unschuldigen, alle Steuerhinterzieher? Sämtliche Gärtner (die ausschließlich und ohne weitere Verdachtsmomente), alle Trinker, Drogenabhängige? Alle permanent nüchternen Antialkoholiker, Nichtraucher, Niemals-Scharzfahrer. Nein, es gibt nix und niemand, den Manfred Chobot auslässt, Dich und mich eingeschlossen. Also, auf ein Wiedersehen lieber Leser, lieber Mittäter, irgendwo zwischen den Seiten 9 und 206. Viel Spaß und ich freue mich auf das Treffen, gerade mit Ihnen, die Sie jetzt diese Rezension lesen!
 Hans BäckAutor und Literaturvermittler
Kapfenberg

Montag, 19. Oktober 2015

Lesung in Berlin-Mitte: Kindheit in Deutschland - Kindheit in Polen. Prosa und Gedichte







Dzieciństwo w Polsce – Dzieciństwo w Niemczech. Proza i Poezja Kindheit in Deutschland – Kindheit in Polen. Prosa und Gedichte
 


Liebe Freunde, Kollegen und Literaturinteressierte.
Ja, das war es. Drei Lesungen, drei unterschiedliche Städte, wechselnde Autorinnen und Autoren, aber immer ein interessiertes Publikum, konnte ich erleben. Und immer „unendlich“ lange Lesungen. Polen ist als „literaturverrücktes Land“ bekannt, noch während der kommunistischen Zeit war es üblich, dass Gedichtbände mit einer Startauflage von 15000 Exemplaren erschienen sind (und die wurden auch gekauft), aber auch in Berlin und Potsdam haben die Besucher/Zuhörer ausgehalten. Eine Lesung über fast drei Stunden ist eigentlich – nach gängiger Ansicht – dem Besucher nicht zuzumuten. Doch, doch, es klappte, auch wenn während der Pause auch einmal Einer (Eine) verschwand, blieben die Reihen doch gefüllt. Die Diskussion nach jeder Lesung zeigte auch das Interesse der Menschen. Das Interesse an der Literatur, aber auch an den Autoren und deren Erzählungen. Auch der österreichische „Exote“ und sein Beitrag wurden hinterfragt und behandelt. 
Lesung in Berlin-Mitte in der Stadtbibliothek Luisenbad (von rechts: Marek Czuku, Jens Grandt, Justyna Fijalkowska, Bozena Boba-Dyga, dahinter Heinrich von der Haar, Heidi Ramlow, dahinter: Maik Altenburg, Lucia Dudzinska, Hans Bäck)
Bildquelle: Hans Bäck
Die Lesungen gehen ja noch weiter, bis zum 5. Dezember wird noch an 12 Stationen gelesen und diskutiert. Es zeigte sich, dass die Kindheit, egal ob die Nachkriegs-, Aufbaukindheit oder jene der „ruhigeren“ Jahre behandelt wurde, das Interesse weckte und zur Stellungnahme herausforderte. Nicht nur einmal wurde mir von anwesenden Damen gesagt, „ja so ähnlich haben wir und unsere Mütter diese Zeit erlebt“ Dabei ging es der Veranstaltungsreihe nicht um Chronik (ein wenig schon auch), sondern darum, bestehende Grenzen abzubauen. Es gab diese Grenzen zwischen Polen und Deutschland, es gibt sie teilweise noch immer, jahrhundertelang ist man sich gegenseitig nichts schuldig geblieben, hat Schuld angehäuft und vergessen diese abzutragen. Nun, ein kleiner aber wesentlicher Beitrag ist damit geschehen. Der ehemalige Kultusminister von Brandenburg Dr. Enderlein wies in Berlin und Potsdam darauf hin, dass es an der deutschen Seite liege, mit dem Abtragen des Schuldberges fortzufahren und sich nicht darauf zu verlassen, es seien nun andere, neue Generationen tätig. Als Lücke empfand ich es, dass gerade von der polnischen Seite meine Generation überhaupt nicht vertreten war, ist das noch womöglich eine Grenze, die besteht???
Kommen wir zum literarischen Teil der Lesungen. Natürlich, es lässt sich nicht über einen Kamm scheren, dazu sind die Stilarten, die literarischen Formen, die behandelten Themen zu unterschiedlich. Aber der Herausgeber Heinrich von der Haar hat es tatsächlich geschafft, ein hohes Niveau aller Beiträge sicherzustellen. Auch wenn es sich manchmal um Texte handelt, die durchaus dem Experiment zuzuordnen wären, die impressionistisch angehaucht, Lyrik und erzählende Prosa, berührende Lyrik zu Auschwitz, erhebende, beruhigende Kindheitserinnerungen – alles hatte wohlgeordnet Platz bei den Lesungen und in der Anthologie. Um der noch immer vorhandenen negativen Polung und der weitgehenden Sprachlosigkeit über die Grenzen hinweg zu begegnen, wie der Herausgeber betonte. Sagen wir es einmal sehr beckmesserisch: Wenn auch bei den Texten kein einziger DAS alles überragende Meisterwerk ist, so ist die Gesamtanthologie durchaus ein solches!
Was bleibt? Eine Fülle von Freundschaften, Kontakte mit Autoren aus Polen für unser Reibeisen (wir hatten ja schon eine ganze Reihe polnischer Autoren in den vergangenen Jahren) und die Idee, das Verlangen, dies fortzusetzen. Es gibt ja auch bei uns in der Steiermark Menschenschicksale, die den Geschilderten gleichen: Zerstörung, Zerfall, Vertreibung, Flucht und Neuanfang. Und das sind nicht nur die Heimatvertriebenen des Zweiten Weltkrieges (die auch, deren Schicksale wäre ebenfalls literarisch aufzuarbeiten, historisch hat das Dr. Josef Kaltenböck in den früheren Reibeisen bereits gemacht), das sind die vielen „neuen Bürger“ in unseren Städten, diejenigen, die als Gastarbeiter kamen und geblieben sind, da sind die vielen Menschen mit Migrationshintergrund und deren Kinder, die unsere Volksschulklassen bevölkern. Da wären Schicksale aufzuarbeiten, da wären aber auch Grenzen abzuarbeiten. Beginnen wir damit, bevor es Schuldberge werden. Mit der albanischen Community gab es ja schon einen ersten Versuch in Kapfenberg, das wäre fortzusetzen, zu erweitern. Und es wäre schön, nein, es wäre notwendig und anständig, auch Kollegen, die in der Anthologie vertreten sind, zu uns einzuladen. Ein wenig Geld müsste man dafür in die Hand nehmen, vielleicht bei den Sitzen im neuen Eisstadion ein wenig einsparen (die Sitze im VIP Bereich etwas weniger luxuriös gestalten) und dafür sagen wir einmal € 10 000 für ein Literaturtreffen Polen/Deutschland/Steiermark und unsere neuen Bürger vorzusehen und zu budgetieren. Ich kann persönlich garantieren, die Kollegen würden nicht in 1. Klasse der AUA oder LOT sondern in der normalen Touristenklasse anreisen – womöglich auch als Gruppenreise per Bahn. Sie sind ja bescheidene Dichter und keine Politiker, die es gewöhnt sind, auch auf Reisen verwöhnt zu werden.
Was bleibt: Eine Freude, erst einmal überhaupt als Österreicher eingeladen zu sein, dann auch die Möglichkeit zu erhalten, an den Lesungen teilzunehmen. Eine neue Stadt – Krakau – kennen zu lernen und dabei Vorurteile abzubauen. Vorurteile, die letztlich dahin gingen, naja Polen und der Osten überhaupt. Ich habe Krakau als eine Musterstadt kennen gelernt, eine Stadt, deren Besuch zu empfehlen ist (auch den Kommunalpolitikern in D und A), die einfach wunderschön und gepflegt und sauber ist. Ich habe Freunde getroffen, die einfach wunderbare Literatur schaffen, trotz aller sprachlichen Schwierigkeiten kontaktfreudig sind und weltoffen. Es waren beglückende Erlebnisse in drei unterschiedlichen Städten mit interessiertem Publikum und spannenden Gesprächen über die vorgelesene Literatur. Und genau das meine ich, sollte nicht auf diese einzige großartige Lesereihe beschränkt bleiben. Kapfenberg rühmte sich einst (Dr. Mikesch ist diesbezüglich nachzutrauern) eine Kulturstadt zu sein, immerhin schaffte es Kapfenberg in den Jahren des einsetzenden Wiederaufbaues, eine Musikschule zu gründen, eine Stadtbücherei aufzubauen, (ganz Kärnten har bis heute noch keine vergleichbare), Künstlerförderung zu betreiben durch gezielte Ankäufe von Kunstwerken, und Kulturtage abzuhalten, welche damals internationale Bedeutung hatten und entsprechendes Echo fanden (ohne eigenartige Bewegungstherapien in den Straßen Kapfenbergs). Trotzdem in einer Zeit, in der die Heimatvertriebenen noch in Baracken hausten, die Werksanlagen zum Großteil noch zerstört waren, die Infrastruktur neu aufzubauen war, es wurde auf die Kultur nicht vergessen. Ja, auch auf den Sport wurde auch damals nicht vergessen. In Zeiten großer Sorgen und beschränkter Mittel wurde Großes geschaffen – in Kapfenberg, in der Steiermark, in Österreich. Es wäre schön, wenn wir in Anthologien nicht einmal schreiben müssten, ja damals...

Mit dieser großen Hoffnung verbleibe ich mit meinem Rückblick auf eine spannende und großartige Lesereise!
Hans Bäck