Sonntag, 16. November 2014

Sonntagstext - 16. November 2014



Lohnt es sich?


Lohnt es sich, wenn sich etwa fünfzig Autoren zwei Tage lang mit Arno Schmidt beschäftigen? Dazu eine Anreise auf sich nehmen, die durch wildgewordene streikende Eisenbahner  nach Möglichkeit verhindert werden sollte? Und allen anderem Unbill zu Trotz in Ismaning in einem Tagungshotel der Telekom auftauchten! Fragen wir daher:
Lohnte es sich?
Einige der Angemeldeten kamen überhaupt nicht, andere um Stunden zu spät. Aber es gab dann doch 2 Tage lang Arno Schmidt. Zettels Traum und anderes.
Versuche, Arno Schmidt zu retten? Oder zu glorifizieren? Oder auch nur ihm einen Platz zuzuweisen?
Ich nehme einmal an, das Letztere war die Absicht des Landesverbandes Bayern des FDA bei der diesjährigen Arbeitstagung. Immerhin, es galt des 100. Geburtstags von Arno Schmidt (A.S.) zu gedenken. Ein wenig frage ich mich schon, warum gerade den? Und nicht den Josef Roth zum Beispiel, der auch hundert geworden wäre. Oder einiger anderer Dichter, etwa einen Trakl möglicherweise. Auch einer, der die Sprache bis an die Ränder ausgelotet hatte. Oder, wenn es schon ein Deutscher sein musste, warum  nicht Enzensberger oder Kunert zu deren 85er?
Lassen wir das Ergründen von Veranstalterideen.
Es ging also um A. S. Es ging darum, dass viele der anwesenden Autoren eingestanden hatten, den Namen wohl gehört zu haben, aber nix von ihm gelesen. Gut, also, eine Hinführung zu dem Dichter(?) Schriftsteller (?), ein wenig herumprobieren an eigenen Texten und versuchen, denen ein wenig A. S. Touch zu geben. Lustig anzuhören, wie Autoren, die sich mit Jahreszeitgedichten normalerweise beschäftigen nun in A. S. üben. Doch, doch es wurde was draus. Es ist ja nicht so, dass die Autoren im FDA nicht mit dem Werkstoff Sprache umgehen könnten. Ein wenig herummodeln und formen und schon kam man drauf, Hexerei ist das ja keine, was der da machte. Mit seinen 3000 Zetteln und seiner pseudophonetischen Schreibweise. Spaß hatten einige sogar daran.
Als österreichischer Teilnehmer hat man natürlich auch erheiternde Erlebnisse: Im Land des Alles Organisierten gibt es natürlich einen eigenen Verein der sich „Gesellschaft der Arno Schmidt Leser“ nennt. Das nenne ich perfektes Styling einer Literaturgeschichte. Die Leser Arno Schmidts sind organisiert mit Vorstand (oder Präsident), Vize, Kassier, Schriftführer, Schiedsgericht (nehme ich an), Kassenprüfer usw. Perfekt oder wie der Autor wahrscheinlich geschrieben hätte: „Bär:fekkkt“ Und wahrscheinlich (und hoffentlich) von der Öffentlichen Hand unterstützt, denn in so einer Gesellschaft braucht es akademisch ausgebildete Menschen, welche die Leser A. S. durch den Dschungel begleiten, neue Erkenntnisse erarbeiten, diese publizieren usw. Schön, dass es das noch gibt im Zeitalter von Budgetkürzungen und Einsparungen.
Soweit einmal, das was war.
Nochmals hat es sich gelohnt?
Ich frage ganz bescheiden nach: War es notwendig A. S. soviel Aufmerksamkeit zuzuwenden? Angesichts vieler anderer Dichter von denen Jubiläumstage anstanden? Er war doch bei Gott nicht der Erste, der mit Sprachzertrümmerung von sich reden machte, auch nicht der Einzige. Auch nicht der Aktuellste und Nachhaltigste, er war sicher derjenige, der es schaffte, dass über ihn am meisten geredet wird.
Sagen wir so: Arno Schmidt ist in aller Germanistenmunde, aber kein Leser kennt ihn. Und dabei wird es wohl auch nächsten 100 Jahre noch bleiben. Ich kann mir nicht vorstellen, A. S. als Schriftsteller auf meinem Nachttisch liegen haben und voll Spannung darauf zu warten, endlich weiter zu lesen. Wie sagte ein bei der Tagung anwesender Autor so schön: Als in der ehemaligen DDR sozialisierter Dichter und evang. Pfarrer ging es ihm immer um möglichste Klarheit in seinem Wort. Als auch autoritätsgehorsam erzogen, fürchte er sich aber davor, dass Arno Schmidt nun das absolute Vorbild der Schreibenden werden möge.
Lassen wir die Kirchen in den Dörfern, A. S. kann ein Abenteuer sein, auch für einen Autor im 21. Jahrhundert, aber um Himmelswillen sollen nach dieser Tagung keine Epigonen vermehrt auftreten. Nachahmer mit unvollkommenen Mitteln gibt es genug, aber experimentieren mit der Sprache, das sollen viel mehr Autoren als bisher – und das gilt ganz besonders für die Mitglieder des FDA (und nicht nur in Bayern)

Hans Bäck
FDA-Landesverband Schleswig-Holstein Hamburg
Mitglied des PEN-Trieste
Sowie des Europa Literaturkreises Kapfenberg,
des Österr. Schriftstellerverbandes usw.



Sonntag, 9. November 2014

Zur 25jährigen Wiederkehr des Mauerfalls ...

  • Schmier dir Kunsthonig auf die Semmel, 
  • goutiere ein Ei der Rostocker Legebatterie, 
  • verspeise mittags:
    • eine Soljanka, 
    • einen Broiler und
  • abends eine Thüringer Bratwurst!

Dann hast Du diesen Elendstag würdig begangen.





"Ein Freund" aus der Ex-DDR

Sonntag, 2. November 2014

Sonntagstext - 2. November 2014



Man sollte ruhig einmal darüber nachdenken!


Ich kann mir nicht vorstellen, zu einem Zeltfest zu gehen, um dort den Auftritt eines Streichquartettes mit einem Werk von Haydn zu hören. Ebenso wenig, wie ich dort einen alten Jodler oder einen schönen Boarischen erwarte. Für die Zeltfeste gibt es eigene Musik und Musikmacher – um sie einmal so zu bezeichnen. Diese haben für derartige Veranstaltungen ihre Berechtigung und Notwendigkeit – soweit man Zeltfeste und dergleichen als notwendig bezeichnen mag. Genau so wenig erwarte ich mir im Goldenen Saal des Musikvereins ein Konzert eines Alpenrockers. Was also für die Musik sich eingebürgert hat, eben gewisse Veranstaltungen mit der dazupassenden Musikgruppe und eben der Musik, so hat die Literatur da noch ein wenig eine Anpassungsschwierigkeiten.

Zum Vergleich: Wer die „Neue Post“ kauft oder als Lesezirkelexemplar liest, wird kaum erwarten dort ein Gedicht von Trakl abgedruckt zu finden. Wer die normale Wochentagsausgabe einer x-beliebigen Tageszeitung hernimmt, wird auch nicht eine weitere Folge eines Romans in Fortsetzungen von Michael Köhlmeier erwarten. Es gibt sie also, die Selektion der Texte nach den Medien, für die sie eventuell gedacht wären. Nur sind sie das auch von den Autoren so? Erwarten wir – die Autorinnen und Autoren – nicht immer und voll Hoffnung, dass gerade der neue Text, der soeben fertig wurde, alles schlägt und der literarische Text schlechthin ist?

Was ist den schwieriger, einen so genannten „hochwertigen“ Text zu verfassen (wer ist eigentlich befugt, das zu beurteilen?) oder einen angeblich „trivialen“ Text? Wie sagte Peter Turrini anlässlich eines der vielen Interviews zu seinem 70. Geburtstag? Achtzig, wenn nicht neunzig Prozent einer literarischen Arbeit sind Handwerksarbeit. Das beginnt bei der Themenauswahl, der Recherche, dem Plot zu erstellen, den Handlungsrahmen zu skizzieren bis dahin ist noch keine Zeile des neuen Textes entstanden. Und genauso geht es weiter: jeder Text, ja jede Zeile eines neues Beitrages ist zu überprüfen, zu überarbeiten und nochmals zu überarbeiten. Es beginnt die Suche nach dem perfekten Satz, wenn man den gefunden hat, beginnt die Suche nach den perfekten Wörtern. Dabei ist es vollkommen egal, ob jetzt an ein Gedicht in Hochsprache oder in Mundart, eine Erzählung, eine Novelle oder eine so genannte leichte Kost entstehen soll. Bekannt ist ja der Grundsatz aller Schaffenden, dass gerade die leichten, eventuell sogar humorvollen Werke, jene sind, die am Schwierigsten in der Entstehung sind.

Hat nicht die Autorin eines vielleicht in die Kategorie Trivialliteratur fallenden Textes das gleiche Problem wie jene Dame, die mit ihrem Herzblut das Fallen der Blätter (rot und gelb gefärbt natürlich) im Herbst beschreibt, ohne daran zu denken, dass genau dieses Phänomen nicht erst seit der Romantik die deutschen Dichter beschäftigt hatte? Was soll denn da Neues werden? Da ist mir doch lieber ein harmloser, aber gut gemachter Text über eine Frau, die sich freut darauf vom Friseur verwöhnt zu werden, es genießt, wie seine Hände zärtlich sie berühren, sich darauf freut, dann endlich nach Stunden den Spiegel vorgehalten zu bekommen und glücklich ist. So lange, bis sie zu Hause sich das Werk ansieht und selber die Reparaturhand anlegt. Wenn es dieser Autorin noch dazu gelingt, alle zwei Wochen so einen Text abzuliefern, der von der Redaktion angenommen und dann genau von jenen Damen beim Friseur unter der Trockenhaube gelesen wird, so hat auch diese Arbeit ihren Zweck erfüllt. Siehe dazu weiter oben, die Musik im Zeltfest.

Ich finde, bitte mir nicht böse zu sein, so einen Text heiter, locker und leicht zu lesen, wesentlich wichtiger als die 893. Darstellung von fallenden Blättern, egal ob färbig oder nicht. So sehr wir uns jedes Jahr über die herbstliche Farbenpracht freuen – ich denke gerade jetzt an die verfärbten Buchen im Talschluss des Buchbergtales, beim Bodenbauer. Die rotbrennenden Buchen, der tiefblaue Himmel, der  leuchtende erste Schnee am Zinken und Buchbergkogel – wer wollte da nicht ein Gedicht schreiben?

 Dann denke der/die daran, wie es

Christian Friedrich Hebbel um 1860 dichtete

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was von dem milden Strahl der Sonne fällt.


Lasst mich noch ein um 100 Jahre älteres Herbstgedicht zitieren:

Barthold Hinrich Brockes (1680-1747)


Gedanken bey dem Fall der Blätter im Herbst

In einem angenehmen Herbst, bey ganz entwölktem heiterm Wetter,
Indem ich im verdünnten Schatten, bald Blätter-loser Bäume, geh',
Und des so schön gefärbten Laubes annoch vorhandnen Rest beseh';
Befällt mich schnell ein sanfter Regen, von selbst herabgesunkner Blätter.
Ein reges Schweben füllt die Luft. Es zirkelt, schwärmt' und drehte sich
Ihr bunt, sanft abwärts sinkend Heer; doch selten im geraden Strich.
Es schien die Luft, sich zu bemühn, den Schmuck, der sie bisher gezieret,
So lang es möglich, zu behalten, und hindert' ihren schnellen Fall.
Hiedurch ward ihre leichte Last, im weiten Luft-Kreis überall,
In kleinen Zirkelchen bewegt, in sanften Wirbeln umgeführet,
Bevor ein jedes seinen Zweck, und seiner Mutter Schooß, berühret;
Um sie, bevor sie aufgelöst, und sich dem Sichtlichen entrücken,
Mit Decken, die weit schöner noch, als persianische, zu schmücken.

(Auszug)

Abschließend ein letztes Gedicht, natürlich von

Rainer Maria Rilke (1875-1926)
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erdeaus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen

unendlich sanft in seinen Händen hält.

Wie gesagt, da müsste einer/einem schon gewaltig was Neues einfallen um das zu erreichen. Dabei sind das nur drei Gedicht aus der Unzahl jener die seit Jahrhunderten zum Herbst geschrieben wurden.
Doch, ich schweife ab. Ich will zurück zur Trivialliteratur,  nein, eigentlich nicht direkt. Ich möchte nur ein wenig die Lanze dafür brechen. Vor allem im Vergleich mit jenen Texten, die oftmals eingereicht werden und denen jede Professionalität fehlt. Die „dichterische Inspiration“ so es überhaupt eine gibt und sie zu bemerken ist,  diese allein macht noch keinen „literarisch hochwertigen Text“
Es gibt den Ausdruck des Kunsthandwerks, warum sollte das nicht auch für die Literatur gelten? Und ich bin geneigt, diesen Begriff bei der viel geschmähten Trivialliteratur zu verwenden. Warum eigentlich so viel geschmäht? Warum wird kaum einmal zugegeben, dass die Herren Autoren in ihrer frühesten Jugend natürlich Karl May und die Damen Schriftstellerinnen Trotzkopf gelesen haben. Trivialliteratur in ihrer „schönsten“ Ausformung und wer leugnet, mit Kara Ben Nemsi oder Old Shatterhand nicht mit gezittert zu haben, nun ja,  Selig die nicht sehen und doch glauben!
Also, lassen wir Gebrauchsliteratur als solche stehen und gelten und versuchen wir bei der „anspruchsvollen Literatur“ - wenn wir diese schreiben wollen – jene Professionalität anzuwenden, welche die Verfasser der Leichten Literatur auch nicht aus dem Handgelenk beuteln!
Hans Bäck

Sonntag, 26. Oktober 2014

Ernst-und Rosa-von-Dombrowski-Stiftungspreis 2014 für Literatur




Der Ernst-und-Rosa-von-Dombrowski-Stiftungspreis 2014 für Literatur geht an unser Mitglied des ELKK:
Anna Aldrian

Der Preis wird alle 5 Jahre an einen Steirer bzw. eine Steirerin verlieren.
Es ist bemerkenswert, dass ein Autor bzw. eine Autorin, die zudem relativ spät debütierte, auf Anhieb einen solchen Zuspruch findet und sogleich eine so hohe Würdigung erfährt.

Zur Autorin:
"unsere Anna", Jahrgang 1945, in der Steiermark (Österreich) aufgewachsen, studierte Philosophie, Psychologie und Geschichte in Graz. Kurze Lehrtätigkeit an Schulen, danach über 30 Jahre Sozialarbeit in Südamerika (Ecuador, Honduras, Bolivien, Paraguay, Argentinien, Uruguay). Lebt derzeit mit ihrer multikulturellen Familie auf einem kleinen Bauernhof mit Weingarten in der Südsteiermark. Schreibt Erzählungen und Kurzkrimis, die geografisch in der Steiermark und in Südamerika angesiedelt sind und thematisch literarische, musikalische und kulinarische Schwerpunkte haben. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und im Österreichischen Rundfunk.

Preisverleihung:
Diese findet am 14. November 2014 um 19:30Uhr im Steiermarkhof-Festsaal, Krottendorferstraße 81, 80523 Graz Wetzelsdorf, statt.

Programm:
  • Willkommen im Festsaal des Steiermarkhofes durch Ing. Josef Baumgartner (Kulturverantwortlicher des Steiermarkhofes)
  • Begrüßung und Einführung durch den Präsidenten des Stiftungskuratoriums Curt Schnecker,
  • Grußworte zum Anlaß vom Landesrat Buchmann,
  • Vorstellung und Würdigung sowie Übergabe des Stiftungspreises und der Preisurkunde durch den Stiftungspräsidenten Curt Schnecker, literarischer Beitrag der Preisträgerin

Die musikalische Gestaltung des Festaktes übernehmen Mitglieder des Johann Josef Fux Konservatorium.

Wir freuen uns mit "unserer Anna" und gratulieren ihr herzlichst!

Reinhard Mermi
Blogredaktion    

Texteinreichungen

Liebe Literaturfreunde und Leser des Blogs,

wenn Ihr Texte für den Blog einreicht, dann bitte beachtet die nachfolgenden Konventionen:
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  • mitgelieferte Abbildungen bitte als eigenständige jpg-Dateien mitliefern (in den Text kopierte Abbildungen können nicht verwertet werden)
  • Bevorzugt werden Texte die nicht mehr als eine DIN A4-Seite umfassen.
Reinhard Mermi
Blogredaktion



Sonntagstext - 26. Oktober 2014



Mein Körper

von Richard Mösslinger

Ich finde meinen Körper toll,
er ist doch so geheimnisvoll!
Man sieht den Kopf, den Rumpf, die Beine,
doch dabei bleibt es nicht alleine,
denn auch zwei Arme „kleben“ dran,
wie jeder Mensch erkennen kann.
Zu jedem Bein gehört der Fuß,
der Arm die Hand noch tragen muss.
Die Hände haben Teller, Finger,
die Füße haben – nicht geringer –
die Sohlen und dazu die Zehen,
denn ohne sie könnt’ man nicht gehen.
Wir sehen Haare, Augen, Ohren,
auch Nase, Mund geh’n nicht verloren.
So ist der Körper 1 – 2 – 3
für jeden doch ein „Einerlei“.
Dies alles ist nur das „Gewand“, -
doch drinnen tut sich allerhand,
was wiederum, was ihr wohl wisst,
ein anderes Kapitel ist!

(Dieses Gedicht wird beim Klett_Vlg. in NIKO 3 - Lesebuch für Deutsch - erscheinen°)


Mein Körperinnenleben

von Richard Mösslinger

Mein Innenleben funktioniert,
wie jeder weiß, sehr kompliziert.
Da sind mir die Organe wichtig,
sie arbeiten, so hoff’ ich, richtig,
ansonsten mich ’ne Krankheit quält,
die ich mir nicht hab’ ausgewählt.
Das Herz ist Motor, Pumpstation,
der Darm trägt meinen Kot davon,
die Nieren reinigen das Blut,
man sieht’s in meinem Harn sehr gut.
Die Leber Giftvernichter ist,
die Galle jedes Fett auffrisst.
Die Blase ist mein Wasserfass,
ist es zu voll, lässt man das Nass“.
Den Sauerstoff nimmt auf die Lunge.
Ich schmecke viel mit meiner Zunge.
Die Augen seh’n, die Nase riecht,
die Ohren hören – oder nicht -,
die Zähne noch im Mundraum sind,
wo manchmal sehr viel Speichel rinnt.
Und in des Bauches Innenwärme
befindet sich noch das Gedärme.
Bauchspeicheldrüse, Milz und Magen
helfen mir, Speisen zu vertragen.
Das Hirn zu allerletzt beteuert,
dass es das Ganze immer steuert!
Man merkt, in mir drin geht’s recht um,
der Körper ist das Außenrum.

Ein Menschenwesen ist sehr toll,
ich meine einfach: WUNDERVOLL

Sonntag, 19. Oktober 2014

Biennale EuropaLiteraturkreis Kapfenberg 2014

Fotos zur Biennale findet Ihr auf unserer Homepage unter:

http://www.europa-literaturkreis.net/galerie.htm

Sonntagstext - 19. Oktober 2014



Der Zeugenbeweis                                   

von Manfred Kolb                        


ich fuhr im Berufsverkehr zu meiner Arbeitsstelle in der Innenstadt.

Je näher ich meinem Ziel kam, desto stockender gestaltete sich das Fortkommen. Ampel reihte sich an Ampel. In Sichtweite meiner Dienststelle angekommen, begann die tägliche Suche nach einem Parkplatz. Meistens hatte ich Glück und konnte die Ausgaben für einen kostspieligen Stellplatz im nahe gelegenen Parkhaus vermeiden.

Endlich erspähte ich einen freien Platz. Gerade als ich mit der Front meines BMW hineinfahren wollte, setzte ein vor mir haltender Mercedes Benz an, rückwärts in dieselbe Parklücke einzufahren.
Zentimeter um Zentimeter näherten sich unsere Fahrzeuge, bis sich unsere Stoßstangen berührten.

So standen wir beide, mein Vordermann und ich, je zur Hälfte in der Parklücke. Als mein Kontrahent keine Anstalten machte, mir das Feld zu überlassen, denn ich war nach meiner Auffassung früher da gewesen und hatte schon den größeren Teil der Freifläche eingenommen, stieg ich aus.

Mein Vordermann tat dasselbe und wir gingen die paar Schritte aufeinander zu. Bald standen wir einander Auge in Auge gegenüber.
Ein Wort gab das andere und bald war ein handfester Streit zwischen uns im Gange, wer ein Anrecht auf den Parkplatz hätte. Der Ton zwischen uns wurde lauter und schärfer. Wir nahmen eine drohende Haltung an.

Die Fäuste zur Abwehr eines möglichen Angriffs des Gegenübererhoben,  musterten wir uns mit finsteren Blicken. Handgreiflichkeiten rückten in greifbare Nähe.
Inzwischen waren auf dem Bürgersteig  Passanten stehen geblieben, die teils belustigt, teils kopfschüttelnd der Auseinandersetzung zwischen meinem Gegenüber und mir folgten.

Endlich löste sich ein jüngerer Herr mit Aktentasche aus der Menschentraube und sprach mein Gegenüber mit dem Mercedes-Benz an:
"Sie waren zuerst da. Ich habe es genau gesehen. Ich kann das bezeugen. Sie können auf mich zählen".
Eine Frau mit Hut mischte sich ein:
"nein, der Herr mit dem BMW war zuerst da. Der darf zuerst reinfahren".
Ein älterer Mann im Mantel schüttelte anhaltend den Kopf:
"ich habe genau beobachtet, wieder der Herr im BMW den Mann im Benz genötigt und bedroht hat. Das kann ich notfalls auch bezeugen".

"Das stimmt nicht", ereiferte sich eine junge Dame im Anorak, die sich erst jetzt zu der Menschengruppe gesellt hatte:
"Diese Mann da" - und ihr Finger zeigte auf den BMW-Fahrer - ,"hat zuerst zugeschlagen. Dabei ist der Mercedes-Fahrer im Recht".


"So ein Blödsinn", entfuhr es dem ältere Mann mit einer Zeitung in der Hand: "der andere hat zuerst zugeschlagen, der BMW-Fahrer hat sich nur verteidigt. Und eine Schramme hat der Benz dem BMW auch zugefügt. Da sehen Sie mal", fuhr er zur Menschenansammlung gewandt fort,  indem er triumphierend auf eine Schramme am linken Kotflügel des BMW zeigte.

Er reichte mir seine Visitenkarte, dier er aus seiner Brieftasche heraus geholt hatte: "hier ist meine Visitenkarte, sagte er mit fester Stimme. Wenn Sie mich als Zeugen vor Gericht benötigen. Ich stehe Ihnen zur Verfügung".

Mein Gegenüber war fassungslos. Die junge Dame im Anorak tröstete ihn: "Machen Sie sich keine Sorgen. ich stehe zu Ihnen. Sie haben nichts verbrochen. Die Schramme war sicher schon. Und ihre Verletzung heilt bald wieder".

Wir Kontrahenten hatten während der Zeugenaussagen langsam  unsere Fäuste gesenkt und schauten uns schweigend an.

"Wie unschuldig er tut", ereiferte sich ein Pärchen, das sich bisher nicht eingemischt hatte: "typisch Mercedes-Fahrer. Geben nichts zu und nicht nach. Diesen arroganten Schnöseln sollet man den Führerschein wegnehmen".

Als wir immer noch untätig und schweigend da standen, begann sich die Menschenansammlung langsam aufzulösen.

Ein Herr sagte im Weggehn zu seiner Partnerin:" ich glaube, der BMW-Fahrer hätte bei der Schlägerei gewonnen".

Bald waren mein Gegenüber und ich allein.

Als wir sicher sein konnten, dass uns niemand mehr zusehen konnte,
drückten wir uns fest die Hand.
"Klaus", sagte ich, "das ist ja großartig gelaufen, besser als wir es uns erhoffen konnten. Niemand hat unser Schauspiel durchschaut. Nun haben wir genug Stoff für unser Referat über die Qualität von Zeugenaussagen im Straßen-verkehr. Das werden die Richter bei Gerichtsverhandlungen in Straßen-verkehrsangelegenheiten wohl besonders berücksichtigen müssen!"



ENDE