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Donnerstag, 5. Mai 2016

Wetterleuchten




Gedichte von Friederike Krassnig
ISBN-978-3-9500299-7-0

Es ist ein Abenteuer, 2015/2016 einen Band mit Gedichten herauszubringen. Und es ist noch mehr Abenteuer, wenn diese Gedichte keinesfalls dem „Mainstream“ entsprechen. In einem persönlichen Briefchen erläutert die Autorin auch ein wenig ihre Beweggründe. So ist zu entnehmen, dass dies auch ein persönliches Geschenk zu ihrem eigenen 85. Geburtstag sei. Dazu, liebe Friederike Krassnig, einmal vorab die herzlichsten Glückwünsche und senden Sie uns für das Reibeisen noch recht lange Ihre sehr geschätzten Gedichte, wir freuen uns jedesmal darüber.
Eingeleitet wird der Band von einem Gedicht der Enkelin, die hiemit auch bezeugt, dass die sprichwörtlichen Äpfel nicht weit von den Stämmen fallen – schön, dass hier womöglich eine Tradition weiterlebt. Wir sind gespannt auch von Mira Jana Krassnig weiteres zu lesen!
Natürlich, der flüchtige Leser wird womöglich die Nase rümpfen - ‚das sind doch Gedichte aus einer fernen, vergangenen Zeit!’ Na und? Wenn sie so gut gemacht und gekonnt sind, wie diese Sammlung von Texten der Autorin, die ja auf eine reiche Schaffenszeit zurückblicken kann, liest man gerne ein wunderschönes Gedicht über die Mondraute oder die Kugeldistel, die Trauerhasel. Wenn Friederike Krassnig den Reim verwendet (selten genug), dann kann der Leser sicher sein, „sie kann es“ das ist kein hilfloses Reimgeklingel, sondern da stimmt Rhythmus, Silbenzahl und Metrik. Meist aber schreibt die Autorin in freier Sprache und doch gelingt es ihr dabei, die Poesie z. B. eines Tatoos, eines Piercings einzufangen und wiederzugeben. Die verwendete Strophenform ist keine, um dem Leser eine Poesie  vorzutäuschen, da werden keine Prosasätze aneinander gereiht und durch willkürliche Zeilenschaltungen Gedichte vorgetäuscht. Nein, diese Art von Leserbeschwindelung hat Friederike Krassnig nicht nötig. Ihre Poesie, geschöpft aus einem langen erfüllten Leben als Schriftstellerin, begründet aus einem genauen Hinschauen und Hinhören in die Natur, ist ohne gekünstelte Modernität, sie ist aber trotzdem von einer atemberaubenden Aktualität. Wenn ihr auch das bildliche Wahrnehmen der Natur durch ihre fortschreitende Erblindung immer weniger möglich wird, so kann sie aus einem reichen Bilderfundus schöpfen und dies dem Leser vorlegen. Stellvertretend für viele Texte in dem schmalen Bändchen, möchte ich ein Gedicht hier vollständig wiedergeben, dass meines Erachtens die Sprache und Bildkraft der Autorin beispielhaft wiedergibt:

Vogelleicht

Federnblitze
Im Wandschatten
Zaubern in
Mauerrisse
Nester
Meiner Gedankenbrut.

Sie skizziert
Im Zeitraffer
Noch Leben
In den Nachthimmel
Im Zeichen des Widders
Der traumhaft
Sichtbar wird
Für tagblinde Augen.

Mögen die tagblinden Augen der Friederike Krassnig noch lange viel aus dem Inneren schöpfen und uns in so schönen Texten vorlegen. Und möge die Enkelin Mira Jana der Großmutter noch gerne zur Seite stehen und helfen, dass wir von Beiden zu lesen bekommen!


Hans Bäck
Kapfenberg


Sonntag, 26. April 2015

bergen-belsen



von Reinhard Mermi 

mit jedem ring umhüllt
die zukunft ihre ver-
gangenheit läßt
bäume im erinnern
wachsen im fieder-
grün der gegenwart

gedanken tropfen her-
ab aus harziger rinde
kostet man der erde
bitterkeit

(2009)


Weiterführende Links:
Reinhard Mermi auf Facebook




Plastiknapf für KZ-Überlebende, Porzellan für die Promis

Passend wurde auf Facebook der Vorfall kommentiert (Zitat): "Meine Freundin war eine der freiwilligen Helfer bei diesem Anlass. Tatsächlich war einiges ziemlich mies organisiert. Zum Amüsement der sehr goldigen Holocaustüberlebenden übrigens: "Als die Deutschen uns vor 70 Jahren umbringen wollten, waren Planung und Ausführung perfekt, heute kriegen sie nicht mal ein Kaffee-Gutscheinsystem geregelt. Eigentlich beruhigend." <Lautes Gelächter in der Gruppe.>"

Etwa 90 Überlebende nahmen an der Gedenkfeier zur Befreiung des KZ Ravensbrück teil. Viele von ihnen mussten ihr Mittagessen aus Plastikschüsseln einnehmen - während Promigäste vergleichsweise fürstlich tafelten.

Wie der Stern-online gestern (25.04.2015) berichtete, wurden auf der Gedenkfeier im KZ Ravensbrück die Promis hofiert und die Überlebenden wie Statisten abgespeist. Die Ex-Häftlinge mussten für Eintopf Schlange stehen, während die Polit-Prominenz tafelte.




Weiters schreibt der Stern: "Aus einem Akt der Erinnerung und Begegnung zum Gedenken an die Befreiung des KZ Ravensbrück wurde ein Lehrstück in Polit-Verdrossenheit. Sie lief ab, als hätte man das Dichterwort von Wasser predigen und Wein trinken, illustrieren wollen...."

hier geht's weiter

Weiterführende Links
Zeit-online: Die Scham nach dem KZ-Gedenken
Ravensbrück - Historischer Rückblick



Montag, 20. April 2015

Was man alles nicht dürfte ...

(von Hans Bäck) 


Einst wurde lautstark vor Publikum und per Radioübertragung gedonnert: „Es müsste in der deutschen Literatur verboten werden, über Liebe, Mond und Venedig zu schreiben“ 
               und es wird nach wie vor geschrieben

Nun wird verlangt, dass Bücher womöglich gendergerecht geschrieben werden, bei Sachbüchern, die auf Förderungen angewiesen sind, erfolgt das ja schon,
               in der Belletristik geschieht das nach wie vor nicht

In einem Roman zu schreiben, dass irgendjemand eine Cola trinke, sei kapitalistisches Productplacement und dadurch unanständig
                        Und es wird trotzdem geschrieben

In einem Text jemand nach einer Zigarette greifen zu lassen, womöglich zur berühmten Zigarette danach, ist Verführung zu Suchtverhalten und zumindest in der genannten Form sexistisch und müsste verboten werden
                        Und es wird trotzdem geschrieben

In einer Erzählung davon zu schreiben, dass der Protagonist ein Glas Whisky trinke oder mit Freunden mit Wein anstoße ist ebenfalls Verführung zu Suchtverhalten und daher zu verbieten          
                        Und es wird trotzdem geschrieben

In einem Roman von einem bezaubernden langen Damenbein zu schreiben ist sexistisch und daher zu unterlassen
                        Und es wird trotzdem geschrieben

In einem Artikel davon zu schreiben, dass die Israelis gegenüber den Palästinensern ein Recht auf Selbstverteidigung hätten, ist politisch uncorrect und daher zu unterlassen
                        Und es wird trotzdem geschrieben

In einem Roman zu erwähnen, dass Staaten auf Grund ihrer Kultur und Geschichte unterschiedliche Formen der Aufgabenlösung haben ist rassistisch und daher no political correctness
                        Und es wird trotzdem geschrieben

In einem Gedicht von Veilchen und blühenden Sträuchern zu schreiben, mit Adjektiven um sich zu schlagen, ist literarisch überholte Romantik und daher zu unterlassen
                        Und es wird trotzdem geschrieben

In einem Text davon zu schreiben, dass sich in einer Szene Mann und Frau lieben ist für gleichgeschlechtlich Orientierte diskriminierend und daher unstatthaft
                        Und es wird trotzdem geschrieben

Alle, die da meinen, uns Schreibenden Vorgaben machen zu müssen, was wir zu schreiben hätten, wie etwas geschrieben sein müsste, was wir beim Schreiben zu beachten und zu unterlassen hätten, merkt euch das: Klettert von Euren Bäumen der Erkenntnis herunter und denkt daran, dass alle Formen der ZENSUR von uns Schreibenden missachtet werden müssen. Werft uns literarische Fehler vor, Plagiate, aber sonst haltet den Mund und lasst uns schreiben!!!


Aus gegebenem Anlass sehr verärgert Hans Bäck
 

Freitag, 3. April 2015

Meldung des österreichischen Pollenwarndienstes

Entwarnung!

Die ersten Birken sind zwar verbreitet blühbereit, aber die Birkenkätzchen können erst bei deutlich wärmerem und trockenem Wetter öffnen und stäuben. Daher wird die Birkenpollensaison wetterbedingt aufgeschoben.
Auch sonst können Pollenallergiker aus derzeitiger Sicht aufatmen.

Die Niederschläge und gesunkenen Temperaturen verhindern zunehmenden Pollenflug und lassen allenfalls geringe Belastung durch Eschenpollen in den Tieflagen oder durch Hasel- und Erlenpollen in höheren Lagen zu. Einzig der Süden Österreichs ist durch schöneres Wetter begünstigt und eher belastet. 

Achtung!
Saisonal bedingt ist auch weiterhin mit vermehrtem Aufkommen von Frühlingsgedichten zu rechnen!

Reinhard Mermi
Blogredaktion 

Der Buchtipp - Arno Geiger: Selbstporträt mit Flusspferd.

Roman.
München: Hanser, 2015.
287 Seiten, gebunden; Euro 20,50.
ISBN 978-3-446-24761-1.



Wie Sigrid Löffler, österreichische Publizistin und Kulturkorrespondentin in einem Beitrag für den Deutschlandradio (Kultur) schon kurz und bündig in der Überschrift meinte (Zitat):
"Das Vieh taugt nicht als Symbol."
Weiters fasst die Rezensentin zusammen (Zitat): "[...] opake, unentschlossene Gefühlslagen beherrschen auch Arno Geigers jüngsten Roman "Selbstporträt mit Flusspferd". Er spielt im Sommer 2004 in und bei Wien. Die Zeit wird vom Autor durch die damals aktuellen Filme und Pop-Bands markiert und beglaubigt durch einschlägige meteorologische und politische Stichworte (Wirbelsturm Frances, Terroranschlag auf die Schule in Beslan)". [Der ganze Beitrag hier:]

Klappentext
Wie fühlt es sich an, heute jung zu sein? Arno Geiger erzählt von Julian, einem Studenten der Veterinärmedizin, der seine erste Trennung erlebt und erstaunt ist, wie viel Unordnung so eine Trennung schafft. Um die Unordnung ein wenig zu lindern, übernimmt er bei Professor Beham die Pflege eines Zwergflusspferds, das bald den Rhythmus des Sommers bestimmt: es isst, gähnt, taucht und stinkt. Julian verliebt sich in Aiko, die Tochter des Professors, verfolgt beunruhigt, wie täglich Schockwellen von Katastrophen um den Erdball fluten und durchlebt eine Zeit des Umbruchs und Neuanfangs. Ein Roman über die Suche nach einem Platz in der Welt.

weiterführende Links:
Literaturhaus Wien
Sigrid Löffler
Ohne erhobenen Zeigefinger




Sonntag, 25. Januar 2015

Es muss einmal gesagt werden (wieder einmal)... !

Eigentlich bin ich ein umgänglicher Mensch, der es längst aufgegeben hat, über Gedichte ungefragt seine Meinung abzugeben. Doch heute platzt mir wieder mal der Kragen.
Schuld daran hat die schlechte Lyrik, die ich allenthalben und überall vorgesetzt bekomme.
"Liebe Lyriker, habt ihr schon mal etwas von Fortschritt gehört?", möchte ich da manchem "Reimeschmied" zurufen. Nehmt euch doch ein Beispiel an der bildenden Kunst. Schon längst sind  die "Malerwinkel" mit den idyllischen Motiven für Tante Emma und Onkel Otto "out"! - So zeugt es heutzutage doch von schlechtem Geschmack sich den röhrenden Hirsch über die Couch an die Wand zu hängen.

Deshalb verlasst endlich eure "heimeligen Behausungen", hört auf mit dem selbstgefälligen "Kulturschmatzen", bekämpft eure "zärtliche Gleichgültigkeit" (wie Albert Camus es formulierte) und fangt endlich an zu arbeiten: An euren Gedichten, an euch selbst und findet eure eigene Sprache. Vergesst endlich den unredlichen, weil rückwärts gewandten Kitsch. Gute Lyrik, welche die aktuellen Themen unserer Zeit aufnimmt, kann viel bewegen - vielleicht auch nur in kleinen Schritten, aber trotzdem.

Andernfalls, im übertragenen Sinne, werden euch erst die Augen aufgehen, wenn ihr in der Todeszelle sitzt - um bei Camus und seinem Roman "Der Fremde" zu bleiben. Dann aber ist es zu spät, dann habt ihr euren Beitrag dazu geleistet, die Lyrik "zu Schanden zu fahren".

Reinhard Mermi




Sonntag, 16. November 2014

Sonntagstext - 16. November 2014



Lohnt es sich?


Lohnt es sich, wenn sich etwa fünfzig Autoren zwei Tage lang mit Arno Schmidt beschäftigen? Dazu eine Anreise auf sich nehmen, die durch wildgewordene streikende Eisenbahner  nach Möglichkeit verhindert werden sollte? Und allen anderem Unbill zu Trotz in Ismaning in einem Tagungshotel der Telekom auftauchten! Fragen wir daher:
Lohnte es sich?
Einige der Angemeldeten kamen überhaupt nicht, andere um Stunden zu spät. Aber es gab dann doch 2 Tage lang Arno Schmidt. Zettels Traum und anderes.
Versuche, Arno Schmidt zu retten? Oder zu glorifizieren? Oder auch nur ihm einen Platz zuzuweisen?
Ich nehme einmal an, das Letztere war die Absicht des Landesverbandes Bayern des FDA bei der diesjährigen Arbeitstagung. Immerhin, es galt des 100. Geburtstags von Arno Schmidt (A.S.) zu gedenken. Ein wenig frage ich mich schon, warum gerade den? Und nicht den Josef Roth zum Beispiel, der auch hundert geworden wäre. Oder einiger anderer Dichter, etwa einen Trakl möglicherweise. Auch einer, der die Sprache bis an die Ränder ausgelotet hatte. Oder, wenn es schon ein Deutscher sein musste, warum  nicht Enzensberger oder Kunert zu deren 85er?
Lassen wir das Ergründen von Veranstalterideen.
Es ging also um A. S. Es ging darum, dass viele der anwesenden Autoren eingestanden hatten, den Namen wohl gehört zu haben, aber nix von ihm gelesen. Gut, also, eine Hinführung zu dem Dichter(?) Schriftsteller (?), ein wenig herumprobieren an eigenen Texten und versuchen, denen ein wenig A. S. Touch zu geben. Lustig anzuhören, wie Autoren, die sich mit Jahreszeitgedichten normalerweise beschäftigen nun in A. S. üben. Doch, doch es wurde was draus. Es ist ja nicht so, dass die Autoren im FDA nicht mit dem Werkstoff Sprache umgehen könnten. Ein wenig herummodeln und formen und schon kam man drauf, Hexerei ist das ja keine, was der da machte. Mit seinen 3000 Zetteln und seiner pseudophonetischen Schreibweise. Spaß hatten einige sogar daran.
Als österreichischer Teilnehmer hat man natürlich auch erheiternde Erlebnisse: Im Land des Alles Organisierten gibt es natürlich einen eigenen Verein der sich „Gesellschaft der Arno Schmidt Leser“ nennt. Das nenne ich perfektes Styling einer Literaturgeschichte. Die Leser Arno Schmidts sind organisiert mit Vorstand (oder Präsident), Vize, Kassier, Schriftführer, Schiedsgericht (nehme ich an), Kassenprüfer usw. Perfekt oder wie der Autor wahrscheinlich geschrieben hätte: „Bär:fekkkt“ Und wahrscheinlich (und hoffentlich) von der Öffentlichen Hand unterstützt, denn in so einer Gesellschaft braucht es akademisch ausgebildete Menschen, welche die Leser A. S. durch den Dschungel begleiten, neue Erkenntnisse erarbeiten, diese publizieren usw. Schön, dass es das noch gibt im Zeitalter von Budgetkürzungen und Einsparungen.
Soweit einmal, das was war.
Nochmals hat es sich gelohnt?
Ich frage ganz bescheiden nach: War es notwendig A. S. soviel Aufmerksamkeit zuzuwenden? Angesichts vieler anderer Dichter von denen Jubiläumstage anstanden? Er war doch bei Gott nicht der Erste, der mit Sprachzertrümmerung von sich reden machte, auch nicht der Einzige. Auch nicht der Aktuellste und Nachhaltigste, er war sicher derjenige, der es schaffte, dass über ihn am meisten geredet wird.
Sagen wir so: Arno Schmidt ist in aller Germanistenmunde, aber kein Leser kennt ihn. Und dabei wird es wohl auch nächsten 100 Jahre noch bleiben. Ich kann mir nicht vorstellen, A. S. als Schriftsteller auf meinem Nachttisch liegen haben und voll Spannung darauf zu warten, endlich weiter zu lesen. Wie sagte ein bei der Tagung anwesender Autor so schön: Als in der ehemaligen DDR sozialisierter Dichter und evang. Pfarrer ging es ihm immer um möglichste Klarheit in seinem Wort. Als auch autoritätsgehorsam erzogen, fürchte er sich aber davor, dass Arno Schmidt nun das absolute Vorbild der Schreibenden werden möge.
Lassen wir die Kirchen in den Dörfern, A. S. kann ein Abenteuer sein, auch für einen Autor im 21. Jahrhundert, aber um Himmelswillen sollen nach dieser Tagung keine Epigonen vermehrt auftreten. Nachahmer mit unvollkommenen Mitteln gibt es genug, aber experimentieren mit der Sprache, das sollen viel mehr Autoren als bisher – und das gilt ganz besonders für die Mitglieder des FDA (und nicht nur in Bayern)

Hans Bäck
FDA-Landesverband Schleswig-Holstein Hamburg
Mitglied des PEN-Trieste
Sowie des Europa Literaturkreises Kapfenberg,
des Österr. Schriftstellerverbandes usw.