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Samstag, 13. Juni 2015

Politik schwingt mit

Ein Artikel von Emily Sherwin, Moskau
DW - Deutsche Welle 2015

In Russland geht das Jahr der Deutschen Sprache und Literatur zu Ende. Zahlreiche Veranstaltungen haben den kulturellen Austausch gefördert. Auch wenn der Schatten der Politik immer weiter reicht.
An einem kleinen Tisch im Saal des Moskauer Puschkin-Museums sitzt der deutsche Autor Hans Pleschinski neben seiner russischen Übersetzerin. Beide lesen abwechselnd das gleiche Werk auf verschiedenen Sprachen, geben sich mit Blicken das Wort.
Die Lesung ist Teil der Abschlussveranstaltung des Jahres der Deutschen Sprache und Literatur in Russland.

 Weiterlesen könnt ihr hier [...]


Mit der Eröffnung der Ausstellung "Bilder eines Schriftstellerlebens. Thomas Mann 1875-1955"  im Moskauer Puschkin-Museum ging am 3. Juni 2015 das Jahr der deutschen Sprache und Literatur in Russland 2014/2015 zu Ende. Die Projektträger – das Auswärtige Amt und das Goethe-Institut – und ihre Partner können eine positive Bilanz ziehen: über 510 Einzelveranstaltungen und Wettbewerbe mit mehr als 73.000 Teilnehmern aus rund 300 Orten Russlands und etwa 200 mitwirkenden Wissenschaftlern, Schriftstellern und Künstlern aus Deutschland wurden durchgeführt.

Samstag, 6. Juni 2015

Katharina Raabe erhält den Deutschen Sprachpreis 2015

Wie das Deutsche Börsenblatt vermeldet, geht der heurige Deutsche Sprachpreis der Henning-Kaufmann-Stiftung im Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft an Katharina Raabe. Die Suhrkamp-Lektorin ist Expertin für osteuropäische Literatur.
Katharina Raabe wurde 1957 in Hamburg geboren, studierte Musik, Musikwissenschaft und Philosophie, war Geigerin, Pädagogin, seit 1984 auch Redakteurin für verschiedene Verlage. 1993 bis 2000 literarische Lektorin bei Rowohlt Berlin, seit 2000 mit Schwerpunkt Osteuropa bei Suhrkamp. Dort betreut sie u. a. Juri Andruchowytsch, László Darvasi, Andrzej Stasiuk und Jáchym Topol. Für ihre Förderung und Verbreitung der osteuropäischen Literatur in Deutschland erhielt sie 2007 das Bundesverdienstkreuz. Sie lebt in Berlin.
Mit der Preisvergabe sollen die außergewöhnliche Lebensleistung und die Verdienste der Preisträgerin um die Gegenwartsliteratur Osteuropas gewürdigt werden.

Hier gehts weiter zum Artikel des Deutschen Börsenblattes [...]








Der neue Klappentext ist da!




Ausgabe Nr. 81 - Mai 2015

Das Literaturprogrammheft für München ist aufgrund seiner Beiträge auch für Leser interessant, die nicht direkt in das Geschehen der Münchner Literaturszene "eintauchen" können.

Die Herausgeberin schreibt über den aktuellen Klappentext

Sie finden darin diesmal: Eine auffällige lyrische Häufung (fast hätten wir von einer regelrechten Verdichtung gesprochen); die (allerdings nur zwischen den Zeilen gestellte) Frage, ob Verlage immer alles verkaufen müssen, was sich verkaufen läßt, sowie deren kaum erkennbare Beantwortung in einer anderen KLAPPENTEXT-Rezension; und dann wäre da auch noch der Essay über Louise Bourgeois und Siri Hustvedt, der den Werk-Interferenzen dieser beiden großen Künstlerinnen nachgeht.

Den Klappentext könnt ihr hier runterladen [hier]



Freitag, 22. Mai 2015

Pfingstpamphlet

von Reinhard Lackinger

Wenn ich an Pfingsten denke, sehe ich die verängstigten undverschüchterten Apostel vor mir. Auch glaube ich, die Gegenwart desHeiligen Geistes zu spüren, der mitten im Raum auf die Jünger
herniederschießt, die Burschen mit himmlischem Mut erfüllt. Meine kindlichen Vorstellungen zeigen mir den Wirbelsturm und jenes, in zwölf  Flammenzungen geteilte Feuer. Bilder, die mir vom Kathechismusunterricht der Volksschule erhalten blieben sind.

Heute, als alter Mensch, denke ich gerne an die arglosen Vorstellungen, die ich weiterhin mit mir herumtrage. Vielleicht habe ich deshalb immerweniger Geduld mit Neuigkeiten! Fernsehnachrichten machen michschläfrig. Aus den Online-Zeitungen lese ich fast ausschließlich dieÜberschriften. Vieles interessiert mich nicht mehr! Internet benütze ich nur zu Hause. Smartphone mit Whatsapp habe und brauche ich nicht. Ein Blick ins Facebook genügt, um zu wissen, wie esum die Welt steht.

Die einst viel geschätzte Allgemeinbildung, aber auch der Eifer
derjenigen, die nach wie vor alles ganz genau wissen wollen, kosten mir nur noch ein wehmütiges Lächeln. Irgendwann hört jeder auf, sich für dieses oder jenes zu interessieren.Entweder fehlt es an Hormonen, an Mitgefühl mit anderen Menschen, odereinfach nur an Neugier und Energie. Ich lese noch gerne. Aber keine triviale, Süßholz raspelndeUnterhaltungslektüre. Es muß im Text schon ein Funke springen. Wie voneinem Feuerstein, von einer grobkörnigen Schleifscheibe, von einem
Schmiedestück. Ein Lichtbogen muß zünden zwischen der Absicht desAutoren und meinem Herzen. Deshalb habe ich an Büchern, die nur schönsind, keine Freude. Ich nehme ein Volumen nur noch zur Hand, wenn ich inihm Spuren engagierter, mit Satire und Schmäh geschriebener Literatur
vermute. Alle anderen wunderschön redigierten, gebundenen,illustrierten, aber mehr oder weniger entbehrlichen Werke, die in denAuslagen der Büchereien auf uns warten, bedeuten für einen mürrischenGreis wie mich nicht mehr als die prächtigen Schlösser, Gottesfurchteinflößenden Kathedralen, Wand - und Deckenmalereien, Gobelins undanderen Kunstwerke, mit denen einst die Fürsten und auch der Klerus dasParadies, beziehungsweise das Himmelreich auf Erden nachzuahmen
versuchten. Allen bildenden Künstlern, Musikern, sowie den Dichtern undProsaautoren steht nach wie vor ein Ehrenplatz am Hofe der Machthaberzu. Noble, kulturelle Veranstaltungen in "heil´gen Hallen" und prunkvollgestaltete Literaturmagazine lassen mich nicht lügen.

Am Pfingstsonntag eilen - vor den Augen meiner Phantasie - die Apostel,erfüllt vom Hl. Geiste aus dem Haus, aus ihrem Versteck und auf denMarktplatz. Sie sprechen auf das Volk ein. Alle Anwesenden, dieVerkäufer, die Kundschaft und auch die Schaulustigen verstehen, was die
vom Heiligen Geist beseelten Burschen von sich geben. Die Apostel redenund verkünden die Frohe Botschaft in allen Sprachen, heißt es in denSchriften.

Als alter Mann frage ich mich, ob die Überraschung damals wirklich darinbestand daß die Jünger plötzlich nicht nur fliessend Schriftaramaischund Hebräisch konnten, sondern auch Latein, Arabisch, Griechisch undalle Dialekte und Regionalismen des nahen und Mittleren Osten. Lag das Wunder nicht gerade darin, daß es den Aposteln gelang, dieAufmerksamkeit des lauthals feilschenden Volkes auf sich zu ziehen? Ich versuche mir die verblüfften Marktbesucher vorzustellen, die wie
verirrte Höhlenforscher der Fackel des Retters entgegenblicken.Persönlich zöge ich das Beispiel einer unschuldigen Kindergärtnerin vor,die von einem Reparaturschlosser mit angezündetem Schweissbrennerüberrascht wird. Dieses Bild wäre aber unpassend und vielleicht sogar
politisch unkorrekt.Heute reden die Menschen in verschiedenen Sprachen. Es hört ihnen aber
keiner mehr zu! Jeder, sie und er, stieren wie gebannt auf die eigenenHände, aus denen ab und zu ein elektronisches Glucksen und Pfeifen zuvernehmen ist.

Irgendwo abseits und entlang des irdischen Tales der Tränen wetternbrasilianische Schriftgelehrte weiterhin gegen die Bestimmung desUnterichtsministeriums, es soll nicht mehr von richtigem und falschemPortugiesisch gesprochen werden, sondern von adäquater, unadäquater, vonpassender und von unpassender Ausdrucksweise. Wer wie ich zweisprachigaufgewachsen ist, und es um nichts in der Welt schafft, mitösterreichischen Verwandten und Freunden Hochdeutsch zu sprechen, sondern Mundart, weiß was ich meine.
Brasilianische Konservative wissen das nicht! Sie wollen das nichtverstehen, sondern verlangen vom einfachen, verschwitzten Landarbeiter,daß er sich wie ein "Studierter" ausdrückt. Ich sehe darin den
eindeutigen Versuch des Herrenhauses, das Volk in die Sklavenhüttezurückzudrängen. Ich wünsche, es gelingt den feinen Herrschaften nicht! Die unkonventionelle Ausdrucksweise führt leider oft so weit, daß einerzu meiner Taverne kommt und einfach sagt:"Bier"! Worauf ich ihm in geläufigem portugiesisch zu verstehen gebe, es gebe bei mir nur Getränkefür diejenigen, die auch Schmankerl aus unserer altösterreichischen Küche zu bestellen beabsichtigen. Ab und zu muß ich deutlicher werden und sagen, "hau ab, ich bediene keinen Betrunkenen.

Aufs Extreme zugehackte Sätze umrahmen viele der über Facebook verteilten Fotos von Katzen, Schoßhündchen, Kindern und Tellern mit gastronomischen Feinheiten. Ebenso Selfies am Schwimmbecken, im Garten, auf dem Segelboot, im Restaurant, aus allem möglichen Winkeln der
Komfortzone. Schon in der nächsten Minute sind diese Bilder und verstümmelten Botschaften wie weggeblasen. Nicht der Rede wert!

Egal in welchem Idiom die Apostel auf das Volk einredeten, sie sprachen wie einer, der die Macht hat! Diejenigen, die behaupten, der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und des beinahe passenden Ausdrucks sei wie jener zwischen einem Blitz und einem Glühwürmchen, dürften an jenem Pfingstsonntag den Jüngern Jesu zugehört haben. Die Worte der Apostel müssen wie ein Gewitter auf die Anwesenden herniedergefallen sein. Nur so kann ich mir das andächtig lauschende und zusehende Publikum vorstellen. Wie weit das nicht Verbale, die Körpersprache und positive die Haltung jener allerersten Christen das Gesagte beeinflußte, kann ich als Laie weder wissen, noch beurteilen. Es gelingt mir aber, die Kraft der gütigen Blicke und hilfreich eingreifenden und Segen spendenden Hände der Apostel zu verstehen.

Als Greis, der den Balast der Jugend längst abgeworfen hat, bleibt mir die Frage, was noch an Wichtigem und Positivem zu tun wäre, ehe der Happy-End-Blitz meine eigene Existenz erhellt und bevor mich das allerletzte Aha-Erlebnis ereilt. Angesichs des Todes verliert alles Irdische seine Wichtigkeit, sagen die Gelehrten, ungeachtet ihres Alters. In der 81. und 82. Sure des Korans heißt es ... "dann weiß jede Seele was sie getan und unterlassen hat"! Ältere Menschen wie ich, meinen es bereits zu wissen, oder wenigstens zu ahnen. Bei Mohammed, der Friede Allahs sei über ihm(1), fiel der Piaster erst 6 Jahrhunderte nach jenem Pfingstsonntag. Es scheint, er habe schon einige Suren zuvor Anlauf nehmen müssen, um den Weltuntergang zu beschreiben. Beim Lesen der Suren 81 und 82 sieht es aus, als wiederholte sich Mohammed, der Friede Allahs sei über ihm. Tat er das, weil er meinte, endlich das Thema gefunden zu haben, das alle Menschen hellhörig werden läßt und bewegt?
Ist es nicht gerade diese vermeintliche Gewißheit und die Nähe des Todes, die uns alte Leute zum bedeutensten und zahlreichsten Publikum der Katholischen Kirche macht?

Ich versuche mir die durchdringliche Macht des Heiligen Geistes vorzustellen, der den Menschen beim Letzten Gericht erzittern läßt. Genauso wie es der 35 Tonnen Bechê Gegenschlaghammer heute noch tut. Das Beben, das die ganze Umgebung erreicht. Eine übermenschliche Wahrnehmung. Auch wenn für die Nachbarn der Fabrik die glühenden Mäuler der Öfen, die zentnerschweren Schmiedestücke und die Stichflammen, die bei jedem Gegenschlag der geölten Gesenke in die dunkle Halle schießen, verborgen bleiben.

Meine Fantasie zeigt mir Bilder von alten Frauen und Männern beim Beten des Rosenkranzes. Ebenso Verteter von Minderheiten, die sich weigern, Gesetze, Gebote und Gebräuche blindlings und ohne nachzufragen zu befolgen. "Liebe Deine Nächsten wie dich selbst". Alles andere wird sich
schon finden! Genauso sieht in meinen Augen die Kirche aus. Und zwar seit jenem allerersten Pfingstsonntag. Bis heute und bis zum Jüngsten Gericht! Eine Zeitspanne die nicht länger dauert als der höllisch eindringliche Geruch öligen Zunders oder der himmlisch sanfte Duft der Pfingstrosen.

Seit ich hier in Salvador, Bahia, Brasilien Beislwirt geworden bin, glückt mir jedes altösterreichische Schmankerl, jede Marinade, jede Sauce. Doch wie sehne ich mich nach einem Wesen, dem ich sagen könnte, daß ich das Fehlen von Geistesblitzen bei meinen pamphletarischen Texten tief bedauere.

Da reißt es mich auch schon unerwartet aus dem Traum. Ich zittere, ich bebe! Es wird um mich plötzlich alles heller als die Lichtbögen tausender Elektroöfen. Es ist die strahlende Gewißheit, die es vermag, die dunkleste Ecke unserer Seele schattenlos zu beleuchten, um gleich darauf von der am Pfingstsonntag verkündeten Barmherzigkeit Gottes erfüllt zu werden. Da höre ich auch schon eine vertraute Stimme die sagt:"Griaßdi Reinhard!  Suachda a komote Wuikn, a komfortables Wolkenkissen aus und mochdas bequem!



(1) Jedesmal wenn ein Moslim von Mohammed, der Friede Allahs sei über
ihm, spricht, sagt er gleich nach dem Namen des Profeten "der Friede
Allahs sei über ihm". In meinem Kulturkreis von Salvador, Bahia,
Brasilien, wenn ich vom jetzigen Bürgermeister rede, füge ich "der
Teufel soll ihn holen" hinzu!

Reinhard Lackinger

Salvdador, einige Tage vor dem Pfingsstsonntag 2015


Freitag, 15. Mai 2015

Brückenbauer zwischen den USA und Deutschland

Der Literaturwissenschaftler Guy Stern
von Claudia Ehlert - Beitrag vom 08.05.2015
(Deutschlandradio Kultur / Aus der jüdischen Welt)

Ein Team der Ritchie Boys am 8. Mai 1945, von links:
Guy Stern, Walter Sears und Fred Howard.
Das Bild zeigt eine Szene aus dem Film "Hass auf Hitler - Deutsche in US-Uniform"
von Christian Bauer.
Prof. Guy Stern wurde am 14.Januar 1922 als erstes Kind des jüdischen Ehepaars Hedwig und Julius Stern in Hildesheim geboren; er erhielt den Namen Günther. Als fünfzehnjähriger Schüler gelangte er mit Hilfe verschiedener Personen und Organisationen in die USA. Nach zwei Jahren Studium meldete er sich freiwillig bei der US-Armee. Dort wurde er einer kurzen Grundausbildung unterzogen, bevor er im Camp Ritchie mit anderen europäischen Emigranten theoretisch und praktisch für den Einsatz im Zweiten Weltkrieg ausgebildet wurde. Die meisten Soldaten der Truppe stammten aus Deutschland, Österreich oder Tschechien und waren jüdischer Abstammung. Guy Stern ist einer der letzten Überlebenden der sog. „Ritchie Boys“, die im Zweiten Weltkrieg für die USA gegen Nazi-Deutschland kämpften.

Alle Versuche, seine Eltern und seine beiden Geschwister in die Emigration nachzuholen, schlugen fehl, die Familie kam im Holocaust um. 



hier gehts zum Beitrag



Weiterführende Links: 



Sonntag, 26. April 2015

Frieden

von Thomas Mentzel

(c) Thomas Menthel
Erfreut registrierte ich heute morgen neben Rechnungen, Mahnungen und
Werbung einen Brief in meinem Postkasten. Ja, einen richtigen Brief
auf Papier. Geschrieben hat ihn der Herausgeber, gleichzeitig Verleger
einer Anthologie mit Texten zum Thema Frieden und er bittet mich um einen Beitrag.

Schließlich bin ich Autor und Lyriker, deswegen fallen mir ein paar
Zeilen gewiss nicht schwer. Kurz und knackig aber bitte und vor allem schnell, er hat für mich eine Seite bereitgehalten. Es gibt gutes Honorar und einige Auftritte im Rahmen der Buchpräsentation hat er ebenfalls reserviert.

Natürlich setze ich mich sofort an den Schreibtisch. Ich bin ein
friedlicher Mensch, gehe tunlichst jedem Streit aus dem Wege und bin
deswegen selbstverständlich geradezu prädestiniert für einen
derartigen Beitrag. Also, Computer hochgefahren und Schreibprogramm
aufgerufen; es kann losgehen.

Nun denn. Zuerst muss ich für Ruhe sorgen, meine Frau ist mit dem
Staubsauger beschäftigt weil sie meint, heute ist ein guter Tag für
den Hausputz. Okay, ich habe ihr den Stecker herausgezogen und sie
höflich gebeten, leise zu sein. Schließlich muss ich arbeiten. Draußen
vor dem Haus ist es windig, die Fenster stehen offen, - vielleicht
rutschte mir deswegen die Klinke aus der Hand und die Tür knallte mit voller Wucht ins Schloss. Wer weiß.

Ich jedenfalls habe meine Ruhe und kann mich entspannt dem Thema
Frieden widmen. Immerhin schaffe ich es, das Wort als Überschrift zu
tippen und mir ein paar grundlegende Gedanken zu machen. Zum Beispiel,
wieso auf einmal kein Aschenbecher neben meinem Computer steht.

So kann ich nicht schöpferisch tätig sein, das weiß meine Frau genau.
Aufgestanden, an den Schrank und einen neuen herausgeholt. Meine Frau
ist mit der Zubereitung der Mahlzeit für unseren fünfjährigen Zögling
beschäftigt, dieser mag jedoch nichts essen. Kann man verstehen, wenn
der Papa nicht dabei ist und deswegen nichts bekommt. Aber dessen
ungeachtet: Ich muss arbeiten, da soll er schweigen. Das erkläre ich
ihm eindringlich. Er versteht es und heult los. Es zieht übrigens
immer noch.

Ruhe, Frieden. Wie schön. Stille zum schreiben. So lange jedenfalls,
bis unsere gemeinsame Tochter aus der Schule kommt. Nicht, dass ich
etwas dagegen habe, wenn sie Musik hört. Aber Zimmerlautstärke
bedeutet, dass die Töne in ihren vier Wänden bleiben. Folglich bin ich
hinübergegangen, habe wortlos die Anlage ausgeschaltet und mich wieder
an meine Schreiberei begeben. Habe ich eigentlich erzählt, dass es ein
sehr windiger Tag ist und alle Fenster geöffnet sind? Ich würde
niemals absichtlich mit den Türen knallen.

Friedliche Geräuschlosigkeit im ganzen Haus. So muss es sein. So kann
ich schaffen. Warum nun mein Nachbar meint, er soll ausgerechnet um
diese Zeit seinen Rasen mähen, bleibt mir unverständlich. Ein wenig
Rücksicht kann ich erwarten, oder? Ich gehe zu ihm hin, um zu
erklären, dass dies nicht geht. Es gibt andere Zeiten, nur weil er
Rentner ist, darf er nicht machen was und wann er will. Als er mir
darauf antwortet, dass ihn meine Arbeitszeiten herzlich wenig
interessieren, fällt mir aus Versehen der Spaten mit der scharfen
Kante direkt auf seine Verlängerungsschnur. Wirklich nur ein Versehen.
Ich selbst käme niemals auf eine derart kämpferische Idee.

Zurück im Haus rutschte mir schon wieder die Klinke aus der Hand. Es
weht wirklich heftig.
Klasse. Es geht nichts über ein stilles, friedliches Umfeld. Wo kommen
auf einmal die Fliegen her? Starfighter und Phantom sind überhaupt
nichts gegen deren Lautstärke. Hilft nur blanke Gewalt. Wofür habe ich
Stern und Spiegel abonniert? Klatsch. Klatsch. Geschafft.

Endlich. Ich kann mich an den Schreibtisch setzen. Worum geht es? Ach
ja, „Frieden“ blinkt auf dem Bildschirm. Ich starre auf das flackern.
Schwarz „Frieden“, der Rest des Bildschirms ist weiß.

Habe ich bereits erwähnt, dass ich ein friedliebender Mensch bin, der
jedem Streit aus dem Wege geht? Ja? Wutausbrüche sind mir fremd. Aber
mir fällt nun gerade nichts mehr ein. Ist es ein Wunder, wenn ich
aggressiv werde? Überhaupt, „Frieden“. Darüber schreibt man nicht, der
herrscht. Nee, der doofe Verleger bekommt jetzt einen Brief von mir.
Den „Frieden“ kann er sich sonst wo hin. Und ich gehe spazieren.
Übrigens, es ist wirklich windig. Ich würde niemals Türen knallen.
Tschüss! 
 
Weiterführende Links:
Thomas Mentzel auf Facebook
Die neuen Leiden der alten Wörter 

bergen-belsen



von Reinhard Mermi 

mit jedem ring umhüllt
die zukunft ihre ver-
gangenheit läßt
bäume im erinnern
wachsen im fieder-
grün der gegenwart

gedanken tropfen her-
ab aus harziger rinde
kostet man der erde
bitterkeit

(2009)


Weiterführende Links:
Reinhard Mermi auf Facebook




Samstag, 25. April 2015

"Mit freudigem Stolze" - Die Deutsche Bücherei

Alexander Skipis
Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins
des Deutschen Buchhandels.
(c) Claus Setzer


Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V. ist weltweit der einzige Verband, der alle drei Handelsstufen unter einem Dach vereinigt – Verlage, Buchhandlungen, den Zwischenbuchhandel, Antiquariate und Verlagsvertreter. Er versteht sich als Sprachrohr der Buchbranche und steht Öffentlichkeit und Politik beratend zur Seite. Als Berufsverband setzt sich der Börsenverein für wirtschaftlich und politisch optimale Rahmenbedingungen im Sinne seiner Mitglieder ein.

Am 3. Oktober 1912 wurde in Leipzig der Börsenverein des Deutschen Buchhandels gegründet."Mit freudigem Stolze" hieß es damals. Lest hierzu den Bericht von C. Staniek (Börsenblatt.net vom 24.04.2015).  hier geht's weiter


Montag, 20. April 2015

Was man alles nicht dürfte ...

(von Hans Bäck) 


Einst wurde lautstark vor Publikum und per Radioübertragung gedonnert: „Es müsste in der deutschen Literatur verboten werden, über Liebe, Mond und Venedig zu schreiben“ 
               und es wird nach wie vor geschrieben

Nun wird verlangt, dass Bücher womöglich gendergerecht geschrieben werden, bei Sachbüchern, die auf Förderungen angewiesen sind, erfolgt das ja schon,
               in der Belletristik geschieht das nach wie vor nicht

In einem Roman zu schreiben, dass irgendjemand eine Cola trinke, sei kapitalistisches Productplacement und dadurch unanständig
                        Und es wird trotzdem geschrieben

In einem Text jemand nach einer Zigarette greifen zu lassen, womöglich zur berühmten Zigarette danach, ist Verführung zu Suchtverhalten und zumindest in der genannten Form sexistisch und müsste verboten werden
                        Und es wird trotzdem geschrieben

In einer Erzählung davon zu schreiben, dass der Protagonist ein Glas Whisky trinke oder mit Freunden mit Wein anstoße ist ebenfalls Verführung zu Suchtverhalten und daher zu verbieten          
                        Und es wird trotzdem geschrieben

In einem Roman von einem bezaubernden langen Damenbein zu schreiben ist sexistisch und daher zu unterlassen
                        Und es wird trotzdem geschrieben

In einem Artikel davon zu schreiben, dass die Israelis gegenüber den Palästinensern ein Recht auf Selbstverteidigung hätten, ist politisch uncorrect und daher zu unterlassen
                        Und es wird trotzdem geschrieben

In einem Roman zu erwähnen, dass Staaten auf Grund ihrer Kultur und Geschichte unterschiedliche Formen der Aufgabenlösung haben ist rassistisch und daher no political correctness
                        Und es wird trotzdem geschrieben

In einem Gedicht von Veilchen und blühenden Sträuchern zu schreiben, mit Adjektiven um sich zu schlagen, ist literarisch überholte Romantik und daher zu unterlassen
                        Und es wird trotzdem geschrieben

In einem Text davon zu schreiben, dass sich in einer Szene Mann und Frau lieben ist für gleichgeschlechtlich Orientierte diskriminierend und daher unstatthaft
                        Und es wird trotzdem geschrieben

Alle, die da meinen, uns Schreibenden Vorgaben machen zu müssen, was wir zu schreiben hätten, wie etwas geschrieben sein müsste, was wir beim Schreiben zu beachten und zu unterlassen hätten, merkt euch das: Klettert von Euren Bäumen der Erkenntnis herunter und denkt daran, dass alle Formen der ZENSUR von uns Schreibenden missachtet werden müssen. Werft uns literarische Fehler vor, Plagiate, aber sonst haltet den Mund und lasst uns schreiben!!!


Aus gegebenem Anlass sehr verärgert Hans Bäck
 

Samstag, 18. April 2015

Open House im Literaturmuseum

Am 18. und 19. April eröffnet die Österreichische Nationalbibliothek ihr Literaturmuseum. Beheimatet im Grillparzerhaus in der Johannesgasse 6, präsentiert es auf zwei Stockwerken die Vielfalt der österreichischen Literatur vom Ende des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Am Eröffnungswochenende stehen zahlreiche Lesungen und Führungen am Programm. Am Samstag lesen Teresa Präauer (11.00), Franzobel (13.00), Elisabeth Reichart (14.00), Martin Pollack (15.00) und Friederike Mayröcker (16.00), am Sonntag Dimitré Dinev (11.00), Anna Kim (13.00), Peter Henisch (14.00), Julya Rabinowich (15.00) und Robert Menasse (16.00). Kurzführungen jeweils um 11.30, 13.30, 14.30, 15.30 und 16.30 Uhr.

Hinweis:
Es können nur einzelne Veranstaltungen im Blog aufgezeigt werden. Ein Anspruch auf Vollständigkeit der Events besteht nicht.


Reinhard Mermi
Blogredaktion

Buchvorstellung: Wien. Ein schlampiges Verhältnis



 von Heinz Kurt Rintelen

Man spürt es in seinen Gedichten und Prosatexten: Der Autor schaut nicht nur genau hin – beobachtet. Nein er ist vielmehr selbst Teil dieser Stadt und ihren Gegensätzen.  Eine Reminiszenz unter anderem an die vergangenen Zeiten der K&K-Monarchie und deren Nachwirken bis in unsere Zeit. 

„Die Stadt in Kaisergelb
bei jedem Schritt wiehert
Wien bei Bronzerössern
und lebenden Fiakerlegenden
[...]“

Der Autor kennt und beschreibt die angeborene Raunzigkeit, den Hang zur „Wurschtigkeit“ und den schwarzen, ja teilweise boshaften „Weana Hamur“– läßt aber in seinen Gedichten auch viel Beschaulichkeit und Nachdenkliches durchblicken.


„Esterhazytortenkackende Nestbeschmutzer
Quelle: Heinz Kurt Rintelen (linkedin)

werden bejubelt und erhalten Kulturpreise en
masse. Die Produkte werden als regionale Kunst in

Kärnten auf Leinwand gepinselt. Andere, nicht so

Künstlerisch Besessene, nehmen häufig ganz einfach

Klopapier.
[...]“


 Heinz Kurt Rintelen schaut genau hin; wie mit seinen  „Wiener Minimalismen“ auf seinem Blog, erkennt er Besonderheiten und Details seiner Umwelt und zeigt Sie uns auf. 

Bibliographische Daten:
Taschenbuch: 136 Seiten
Verlag: Hirnkastl & Herz; Auflage: 1 (18. November 2914)
ISBN-10: 3942679140
ISBN-13: 978-3942679145
Preis:  ab 12 €

Weiterführende Links: