Montag, 12. Dezember 2016

Adventskalender: Montag, den 12. Dezember 2016 - Buchbesprechung von Hans Bäck



Dina Sikirić

„Was den Fluss bewegt“
Erzählung, Waldgut – zoom CH 8500 Frauenfeld
ISBN 978-3-05740-115-6, CHF 24,- € 22,-

Ein etwa fünfjähriges Kind mitsamt Mutter aus dem heimatlichen Kroatien „herausgerissen“ und auf Fahrt in neues, ein fremdes Ankunftsland. In einem Nebensatz erfährt man, dass die Mutter anscheinend vor einer Liebe flieht und im Ankunftsland ein neues Leben beginnt. Die Mutter muss arbeiten, das Mädchen muss „aufbewahrt“ werden. In der Eile und unter dem Druck der Verhältnisse landet die Kleine bei Klosterschwestern in einem Heim. Erfährt dort das neue Land, die neue Sprache, auch die neue Religion – die Familie ist muslimischer Religion – mit allen Problemen, die so ein radikaler Wechsel von Zagreb nach Basel für Mutter und Kind mit sich bringt.
Nun ist hier ein Einschub notwendig:
Wir kennen seit dutzenden von Jahren die Erzählungen, Romane, Beschreibungen vom Leben in Klosterschulen, jede Autorin, jeder Autor der Jahrgänge 1945 bis 1960 hatte irgendwo die Erlebnisse der Klosterschule, musste diese dann literarisch verarbeiten und breit treten. Eigenartig, dass trotz aller dieser Klagen, oft sogar Beschimpfungen der Klosterschulen, des Lebens in solchen „Aufbewahrungsheimen“ der Drang zu derartigen Institutionen ungebrochen ist. Gerade jene, die eigentlich ganz anders sozialisiert wurden, trachten heute mit Vehemenz, ihre eigenen Kinder in den kirchlichen Privatschulen unterzubringen, nehmen die oft enormen Kosten gerne in Kauf, nur um dem Kind, na ja was denn eigentlich? Da werden solche Berichte dann doch hinterfragenswert.
Doch verlassen wir den Einschub, kehren wir zur Erzählung von Dina Sikirić zurück. Es fehlt dem Kind jede Form von Liebe und Zuwendung im klösterlichen Heim, die (üblichen) Wasch- und Baderituale werden auch in dieser Erzählung ausführlich geschildert, ja wir kennen die Leibfeindlichkeit der katholischen Ordensschwestern nun schon zur Genüge, eine neuerliche Aufzählung macht diese Geschichte nicht spannender. Penibel schildert die Autorin den langen, ganz in Weiß gehaltenen Schlafsaal, den Verschlag hinter dem die Aufsichtsschwester schläft oder vielmehr wacht. Die Stimmung ist bedrückend und es ist verständlich, dass in den zweiten großen Ferien, die das Kind im neuen, im Ankunftsland erlebt, endlich die Reise in das Herkunftsland mit großer Begeisterung erfolgt. Die Freude aller, auch den geschiedenen Vaters, das Erleben eines Sommers mit Sonne. Meer, Zärtlichkeiten, Umarmungen, Küssen lässt die schwarzen Vögel im Heim vergessen. Nach dem Ende der Ferien, die Rückkehr in das Ankunftsland, und diesmal nicht mehr in das klösterliche Heim, sondern in eine öffentliche Tagesheimstätte. Alles wird anders, farbenfroh, schöner, lebendiger, doch die Frage des Kindes, was denn nun den Fluss wirklich bewegt, bleibt ohne gültige Antwort.
Die Autorin verwendet eine sehr schöne, gepflegte Sprache für die Schilderungen aus der Sicht des Kindes, sie erinnert sich sehr genau an ihre Erlebnisse, reflektiert diese und versucht sie ohne Verurteilungen darzulegen. Natürlich, es bleibt nicht aus und wird auch von Rezensenten nicht weiter beanstandet, dass die heimatliche Situation oder, um in der Sprache der Autorin zu bleiben, die unvergleichlich schöneren Gegebenheiten im Herkunftsland in den glühendsten Farben gemalt werden. Es ist köstlich und entbehrt auch nicht einer gewissen Komik, wenn das kleine Mädchen den Besuch in der heimatlichen Moschee mit dem Kirchgang der Klosterschwestern vergleicht. Da, das Knien auf den harten Kirchenbänken mit gefalteten Händen und unverständliche Formeln der fremden Sprache mitmurmeln, dort, das „Verschwinden zwischen den Hügeln, die ihre Hintern bildeten, wenn sie sich gemeinsam nach vorn beugten“ (S 20) und dabei „die Düfte all der Körper und Stoffe, die mich umgaben, einsog“ Nun ja, lassen wir die kindliche Erinnerung der Autorin gelten, wer einmal erlebte, wie die eng aneinander gereihten Menschenmassen nach Schweiß und anderem gerochen haben, wird von den Düften nicht mehr schwärmen. Doch, wie gesagt, lassen wir dem Kind die Freude. Wie wird es werden, mit den unterschiedlichen Kulturen des Herkunfts- und den Ankunftslandes? Das Kind hin und her gerissen, denn niemand kann ihm sagen „was den Fluss bewegt“ Fremdsein, Anderssein, gerade heute wieder von hoher Aktualität, kann und muss nicht nur bedrohlich und schmerzhaft sein. Es kann auch zu neuen Perspektiven führen, Türen aufstoßen zu neuen und anderen Welten.
Die Autorin, 1955 in Zagreb geboren, in Basel aufgewachsen, an der Schauspielakademie in Zürich studiert, eine Kosmopolitin im umfassendsten Sinne (Sprachen: persisch, spanisch, portugiesisch, italienisch, ...) lebt seit 2007 wieder in Basel, in ihrem damaligen Ankunftsland.
Der Waldgut Verlag hat auch diesen Band wieder mit der dem Verlag eigenen Sorgfalt ausgestattet bzw. hergestellt. Der Rezensent hatte nun schon mehrere Bücher des Verlages bekommen und ist immer noch (oder immer wieder) von der handwerklich gediegenen Ausstattung, und Gestaltung begeistert. Es ist immer schön, solche Bücher in der Hand zu haben!


Hans Bäck
Europa Literaturkreis Kapfenberg
PEN – Trieste
Im Dezember 2016



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