Freitag, 18. Dezember 2015

Adventskalender 2015 - Türchen Nr. 18



Mönche und Nonnen
von Insa Segebade
 
Dominikaner oder Franziskaner? Der demutsvoll nach unten gesenkte Blick hätte einem Franz von Assisi zu aller Ehre, besser zu aller Demut gereicht. Doch was soll dieser verschwenderische Faltenwurf des braunen Gewandes? Der Stoff ist von guter Qualität. Kein Sackleinen, Jute etwa. Dann der Blick auf die Füße. Der wird ihn endgültig entlarven. Sandalen. Aber darunter Wollsocken. Dezentes Muster zwar, aber doch Socken. Also doch ein Dominikaner.
Die einen tragen blütenweiße Kleider und schwarze Schleier. Bei anderen ist es genau umgekehrt. Das schwarze Kleid mit dem weißen Schleier ist besonders dem deutschen Auge vertraut. Eine kleine Gruppe sieht in ihren graublauen Uniformen aus wie eine Abordnung aus einem Feldlazarett im amerikanischen Bürgerkrieg. Kerzengerade, den Blick streng nach vorn gerichtet, geht eine Nonne mit aufwändigem Kopfputz durch das rechte Seitenschiff. Die einem Schwan ähnelnde Haube, die an den Seiten, den Flügeln, mit Draht verstärkt ist, wiegt sich im Rhythmus der Schritte. Herauf und herunter. Wie ein Vogel, der versucht zu fliegen und doch nicht vom Boden abhebt.
Es sind nicht nur alte Nonnen, die sich an diesem Nachmittag in der Basilica di Santa Maria Maggiore versammelt haben. Viele junge, hübsche Gesichter sind unter ihnen. Keineswegs vergrämt, auf der Flucht vor einer bösen Welt in die Arme der Kirche gesunken. Sie begrüßen sich mit zwei, drei Küsschen auf die Wange, laufen aufgeregt durch die vollbesetzten Reihen, auf der Suche nach bekannten Gesichtern. Sie schwatzen und kichern verstohlen hinter vorgehaltener Hand. Anstelle eines ehrwürdigen Gestühls aus geschnitztem Holz stehen rote Plastikstühle auf Mosaik und Marmorböden. Blaue Plastiksäcke werden ausgebreitet, um sich beim Hinknieen nicht das Gewand zu beschmutzen.
Ein hochgewachsener Mann schreitet durch das Schiff direkt auf den Altar zu, der von allen Seiten beleuchtet wird. Noch sind nicht alle Scheinwerfer angebracht. Auch ist noch nicht sicher, wo die beiden Kameras stehen sollen. Streng blickt der heilige Mann durch seine runden Brillengläser. Die leuchtend violette Kappe auf seinem Kopf hebt sich perfekt von dem knöchellangen, schwarzen Gewand ab. Geräuschlos zieht er sich wieder zurück. Vorbei an den Ordnungskräften, die einige Besucherinnen ermahnen, ihre nackten Schultern zu bedecken.
Mehrere Touristengruppen werden durch die Basilica geführt. Sie folgen den hochgehaltenen Regenschirmen oder den roten, langstieligen Nelken ihrer Rudelführer. Der Regenschirmhalter treibt seine Herde zur Eile an. Schnell noch einmal die Kamera hochgehalten, am besten auf eine Skulptur, ein Blitz, auf zur nächsten Kirche.
In der Garderobe, hier heißt es Sakristei, geht es hoch her. Ein Kardinal ist da. Der mit der leuchtend violetten Kappe. Da muss alles besonders gut sitzen. Endlich hebt sich der Vorhang. Gefeiert wird, so steht es im Programmheft, der Geburtstag der heiligen Eucaristica. Ihr hundertster. Die Ausstattung ist vom Feinsten. Weihrauch-Fässchen werden von rotwangigen Messdienern geschwungen. Weiße und goldene Gewänder überfluten den Raum und lassen die Kleider der Nonnen ärmlich und schäbig aussehen. Die Bräute Jesus haben sich derweil ehrfurchtsvoll auf den Boden, auf die blauen Plastikmüllsäcke gekauert. Aschenputtel und die Prinzen. Dutzendfach. Und ein König. Die violette Kappe, die so neckisch über das weiße Haar gestülpt war, ist gegen einen hohen, spitzen Hut, der einer Krone ähnelt, vertauscht worden. Auf roten Kissen werden die Requisiten hereingetragen. Nach einer sorgfältig ausgearbeiteten Choreografie verteilt sich das Ensemble im Raum des Hochaltars. Den spitzen Hut in ihrer Mitte. Langsam hebt der die Arme, als wollte er wie ein Rockstar sein wild applaudierendes, tobendes Publikum beruhigen. Die Kameras surren, die Schminke beginnt im heißen Licht der Scheinwerfer zu zerlaufen. -
"Emsig wallet der Pilger! Und wird er den Heiligen finden? Hören und sehen den Mann, welcher die Wunder getan? Nein, es führte die Zeit ihn hinweg; du findest nur Reste, seinen Schädel, ein paar seiner Gebeine verwahrt. Pilgrime sind wir alle, die wir Italien suchen; nur ein zerstreutes Gebein ehren wir gläubig und froh." (Goethe)

Kommentare:

  1. Ein iteressanter und schöner Text über italienische Kirchengebräuche. Ich könnte da einige recht lustige Geschichten beitragen, aber das würde den Rahmen sprengen.
    mlG. Kurt

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