Posts mit dem Label Prosa werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Prosa werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 12. Februar 2017

Sonntagstext: Weil Fasching ist (aber nicht nur deswegen)



von Hans Bäck

„Sind deine Äpfel bei Vollmond oder abnehmenden Mond gepflückt?“ fragte ich meinen langjährigen Apfelbauern in Pöllau.
„Bist deppert? Ich bin froh, dass ich in diesem blödem Jahr (es war das Erntejahr 2016: Schnee auf den Blüten, Spätfröste usw) überhaupt ein paar an den Bäumen habe!“
„Na ja, ich meine ja nur, denn da gibt es den Mondkalender, wenn man nach dem geht, dann ist alles ganz anders!“
„Ja, ich könnte dann auch einen höheren Preis verlangen,  könnte mir das Kühlhaus ersparen, und was weiß ich noch alles!“
„Du horch zu, ich habe bei meinem letzten Besuch in Hamburg im „Hamburger Abendblatt“ gelesen, dass am Markt in Ottensen Äpfel, gepflückt nach den Mondphasen, angeboten wurden. Und weil das auch am Stand angeschrieben war, konnte der Verkäufer dort den vierfachen Preis verlangen. Die Urteile der Käufer gingen von einem  ‚Traumgeschmack’ bis ‚Hokuspokus’ und ‚Etikettenschwindel’. Einer meinte noch  im Vorbeigehen, wenn die Äpfel noch von sieben Jungfrauen gepflückt wären, dann würde er sie kaufen.“
„Was willst denn“ meinte mein biederer Oststeirer, „es gibt ja auch das Mineralwasser mit Mondscheinabfüllung, da kannst auch eine Flasche Sekt auch kaufen, so teuer ist das.“
„Ja, aber dafür wunderbar bekömmlich und du bekommst dann auf vierundzwanzig Stunden keinen Durst mehr.“
„Und wenn der Bauer sein Schwein zu Klängen von Mozartmusik verwurschtet, schmeckt sie unvergleichlich besser und hält dreimal so lange – bevor sie schimmlig wird.“
„Echt? Ich habe gelesen,  beim Friseur musst du auch achten, welche Mondphase gerade ist. Bei mir ist das besonders wichtig, denn wenn ich die falsche Phase erwische, dann wächst überhaupt nix mehr nach und ich habe eine Totalglatze! Sonst kanns mir passieren, bei der anderen Phase, dass ich nach 6 Wochen schon wieder zum Friseur gehen müsste.“
„Bei uns im Dorf, da ist einer“ so antwortete mein Obstbauer, „der auch sein Brennholz unter Berücksichtigung der Mondphasen schlägert. Wenn er das bei Neumond macht, dann brennen die Scheiter im Kachelofen viel länger!“
Wir haben uns geeinigt, dass ich weiterhin meine Äpfel bei ihm kaufe, egal, wann er sie pflückt. Ob da der Mond über den Masenberg steht oder gerade untergegangen ist, ob es Neumond oder Vollmond ist. Hauptsache, sie sind gut und saftig (echt steirisch eben) und nicht zu sehr gespritzt, sodass es noch ein Apfel ist, der auch nach Apfel schmeckt.
„Du, wie ist denn das mit der Liebe? Sollen wir da auch nach dem Mond gehen?“
„Weißt was, das ist egal, seien wir froh, dass wir ...“
„Ja, hast eh recht“


Freitag, 22. Mai 2015

Pfingstpamphlet

von Reinhard Lackinger

Wenn ich an Pfingsten denke, sehe ich die verängstigten undverschüchterten Apostel vor mir. Auch glaube ich, die Gegenwart desHeiligen Geistes zu spüren, der mitten im Raum auf die Jünger
herniederschießt, die Burschen mit himmlischem Mut erfüllt. Meine kindlichen Vorstellungen zeigen mir den Wirbelsturm und jenes, in zwölf  Flammenzungen geteilte Feuer. Bilder, die mir vom Kathechismusunterricht der Volksschule erhalten blieben sind.

Heute, als alter Mensch, denke ich gerne an die arglosen Vorstellungen, die ich weiterhin mit mir herumtrage. Vielleicht habe ich deshalb immerweniger Geduld mit Neuigkeiten! Fernsehnachrichten machen michschläfrig. Aus den Online-Zeitungen lese ich fast ausschließlich dieÜberschriften. Vieles interessiert mich nicht mehr! Internet benütze ich nur zu Hause. Smartphone mit Whatsapp habe und brauche ich nicht. Ein Blick ins Facebook genügt, um zu wissen, wie esum die Welt steht.

Die einst viel geschätzte Allgemeinbildung, aber auch der Eifer
derjenigen, die nach wie vor alles ganz genau wissen wollen, kosten mir nur noch ein wehmütiges Lächeln. Irgendwann hört jeder auf, sich für dieses oder jenes zu interessieren.Entweder fehlt es an Hormonen, an Mitgefühl mit anderen Menschen, odereinfach nur an Neugier und Energie. Ich lese noch gerne. Aber keine triviale, Süßholz raspelndeUnterhaltungslektüre. Es muß im Text schon ein Funke springen. Wie voneinem Feuerstein, von einer grobkörnigen Schleifscheibe, von einem
Schmiedestück. Ein Lichtbogen muß zünden zwischen der Absicht desAutoren und meinem Herzen. Deshalb habe ich an Büchern, die nur schönsind, keine Freude. Ich nehme ein Volumen nur noch zur Hand, wenn ich inihm Spuren engagierter, mit Satire und Schmäh geschriebener Literatur
vermute. Alle anderen wunderschön redigierten, gebundenen,illustrierten, aber mehr oder weniger entbehrlichen Werke, die in denAuslagen der Büchereien auf uns warten, bedeuten für einen mürrischenGreis wie mich nicht mehr als die prächtigen Schlösser, Gottesfurchteinflößenden Kathedralen, Wand - und Deckenmalereien, Gobelins undanderen Kunstwerke, mit denen einst die Fürsten und auch der Klerus dasParadies, beziehungsweise das Himmelreich auf Erden nachzuahmen
versuchten. Allen bildenden Künstlern, Musikern, sowie den Dichtern undProsaautoren steht nach wie vor ein Ehrenplatz am Hofe der Machthaberzu. Noble, kulturelle Veranstaltungen in "heil´gen Hallen" und prunkvollgestaltete Literaturmagazine lassen mich nicht lügen.

Am Pfingstsonntag eilen - vor den Augen meiner Phantasie - die Apostel,erfüllt vom Hl. Geiste aus dem Haus, aus ihrem Versteck und auf denMarktplatz. Sie sprechen auf das Volk ein. Alle Anwesenden, dieVerkäufer, die Kundschaft und auch die Schaulustigen verstehen, was die
vom Heiligen Geist beseelten Burschen von sich geben. Die Apostel redenund verkünden die Frohe Botschaft in allen Sprachen, heißt es in denSchriften.

Als alter Mann frage ich mich, ob die Überraschung damals wirklich darinbestand daß die Jünger plötzlich nicht nur fliessend Schriftaramaischund Hebräisch konnten, sondern auch Latein, Arabisch, Griechisch undalle Dialekte und Regionalismen des nahen und Mittleren Osten. Lag das Wunder nicht gerade darin, daß es den Aposteln gelang, dieAufmerksamkeit des lauthals feilschenden Volkes auf sich zu ziehen? Ich versuche mir die verblüfften Marktbesucher vorzustellen, die wie
verirrte Höhlenforscher der Fackel des Retters entgegenblicken.Persönlich zöge ich das Beispiel einer unschuldigen Kindergärtnerin vor,die von einem Reparaturschlosser mit angezündetem Schweissbrennerüberrascht wird. Dieses Bild wäre aber unpassend und vielleicht sogar
politisch unkorrekt.Heute reden die Menschen in verschiedenen Sprachen. Es hört ihnen aber
keiner mehr zu! Jeder, sie und er, stieren wie gebannt auf die eigenenHände, aus denen ab und zu ein elektronisches Glucksen und Pfeifen zuvernehmen ist.

Irgendwo abseits und entlang des irdischen Tales der Tränen wetternbrasilianische Schriftgelehrte weiterhin gegen die Bestimmung desUnterichtsministeriums, es soll nicht mehr von richtigem und falschemPortugiesisch gesprochen werden, sondern von adäquater, unadäquater, vonpassender und von unpassender Ausdrucksweise. Wer wie ich zweisprachigaufgewachsen ist, und es um nichts in der Welt schafft, mitösterreichischen Verwandten und Freunden Hochdeutsch zu sprechen, sondern Mundart, weiß was ich meine.
Brasilianische Konservative wissen das nicht! Sie wollen das nichtverstehen, sondern verlangen vom einfachen, verschwitzten Landarbeiter,daß er sich wie ein "Studierter" ausdrückt. Ich sehe darin den
eindeutigen Versuch des Herrenhauses, das Volk in die Sklavenhüttezurückzudrängen. Ich wünsche, es gelingt den feinen Herrschaften nicht! Die unkonventionelle Ausdrucksweise führt leider oft so weit, daß einerzu meiner Taverne kommt und einfach sagt:"Bier"! Worauf ich ihm in geläufigem portugiesisch zu verstehen gebe, es gebe bei mir nur Getränkefür diejenigen, die auch Schmankerl aus unserer altösterreichischen Küche zu bestellen beabsichtigen. Ab und zu muß ich deutlicher werden und sagen, "hau ab, ich bediene keinen Betrunkenen.

Aufs Extreme zugehackte Sätze umrahmen viele der über Facebook verteilten Fotos von Katzen, Schoßhündchen, Kindern und Tellern mit gastronomischen Feinheiten. Ebenso Selfies am Schwimmbecken, im Garten, auf dem Segelboot, im Restaurant, aus allem möglichen Winkeln der
Komfortzone. Schon in der nächsten Minute sind diese Bilder und verstümmelten Botschaften wie weggeblasen. Nicht der Rede wert!

Egal in welchem Idiom die Apostel auf das Volk einredeten, sie sprachen wie einer, der die Macht hat! Diejenigen, die behaupten, der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und des beinahe passenden Ausdrucks sei wie jener zwischen einem Blitz und einem Glühwürmchen, dürften an jenem Pfingstsonntag den Jüngern Jesu zugehört haben. Die Worte der Apostel müssen wie ein Gewitter auf die Anwesenden herniedergefallen sein. Nur so kann ich mir das andächtig lauschende und zusehende Publikum vorstellen. Wie weit das nicht Verbale, die Körpersprache und positive die Haltung jener allerersten Christen das Gesagte beeinflußte, kann ich als Laie weder wissen, noch beurteilen. Es gelingt mir aber, die Kraft der gütigen Blicke und hilfreich eingreifenden und Segen spendenden Hände der Apostel zu verstehen.

Als Greis, der den Balast der Jugend längst abgeworfen hat, bleibt mir die Frage, was noch an Wichtigem und Positivem zu tun wäre, ehe der Happy-End-Blitz meine eigene Existenz erhellt und bevor mich das allerletzte Aha-Erlebnis ereilt. Angesichs des Todes verliert alles Irdische seine Wichtigkeit, sagen die Gelehrten, ungeachtet ihres Alters. In der 81. und 82. Sure des Korans heißt es ... "dann weiß jede Seele was sie getan und unterlassen hat"! Ältere Menschen wie ich, meinen es bereits zu wissen, oder wenigstens zu ahnen. Bei Mohammed, der Friede Allahs sei über ihm(1), fiel der Piaster erst 6 Jahrhunderte nach jenem Pfingstsonntag. Es scheint, er habe schon einige Suren zuvor Anlauf nehmen müssen, um den Weltuntergang zu beschreiben. Beim Lesen der Suren 81 und 82 sieht es aus, als wiederholte sich Mohammed, der Friede Allahs sei über ihm. Tat er das, weil er meinte, endlich das Thema gefunden zu haben, das alle Menschen hellhörig werden läßt und bewegt?
Ist es nicht gerade diese vermeintliche Gewißheit und die Nähe des Todes, die uns alte Leute zum bedeutensten und zahlreichsten Publikum der Katholischen Kirche macht?

Ich versuche mir die durchdringliche Macht des Heiligen Geistes vorzustellen, der den Menschen beim Letzten Gericht erzittern läßt. Genauso wie es der 35 Tonnen Bechê Gegenschlaghammer heute noch tut. Das Beben, das die ganze Umgebung erreicht. Eine übermenschliche Wahrnehmung. Auch wenn für die Nachbarn der Fabrik die glühenden Mäuler der Öfen, die zentnerschweren Schmiedestücke und die Stichflammen, die bei jedem Gegenschlag der geölten Gesenke in die dunkle Halle schießen, verborgen bleiben.

Meine Fantasie zeigt mir Bilder von alten Frauen und Männern beim Beten des Rosenkranzes. Ebenso Verteter von Minderheiten, die sich weigern, Gesetze, Gebote und Gebräuche blindlings und ohne nachzufragen zu befolgen. "Liebe Deine Nächsten wie dich selbst". Alles andere wird sich
schon finden! Genauso sieht in meinen Augen die Kirche aus. Und zwar seit jenem allerersten Pfingstsonntag. Bis heute und bis zum Jüngsten Gericht! Eine Zeitspanne die nicht länger dauert als der höllisch eindringliche Geruch öligen Zunders oder der himmlisch sanfte Duft der Pfingstrosen.

Seit ich hier in Salvador, Bahia, Brasilien Beislwirt geworden bin, glückt mir jedes altösterreichische Schmankerl, jede Marinade, jede Sauce. Doch wie sehne ich mich nach einem Wesen, dem ich sagen könnte, daß ich das Fehlen von Geistesblitzen bei meinen pamphletarischen Texten tief bedauere.

Da reißt es mich auch schon unerwartet aus dem Traum. Ich zittere, ich bebe! Es wird um mich plötzlich alles heller als die Lichtbögen tausender Elektroöfen. Es ist die strahlende Gewißheit, die es vermag, die dunkleste Ecke unserer Seele schattenlos zu beleuchten, um gleich darauf von der am Pfingstsonntag verkündeten Barmherzigkeit Gottes erfüllt zu werden. Da höre ich auch schon eine vertraute Stimme die sagt:"Griaßdi Reinhard!  Suachda a komote Wuikn, a komfortables Wolkenkissen aus und mochdas bequem!



(1) Jedesmal wenn ein Moslim von Mohammed, der Friede Allahs sei über
ihm, spricht, sagt er gleich nach dem Namen des Profeten "der Friede
Allahs sei über ihm". In meinem Kulturkreis von Salvador, Bahia,
Brasilien, wenn ich vom jetzigen Bürgermeister rede, füge ich "der
Teufel soll ihn holen" hinzu!

Reinhard Lackinger

Salvdador, einige Tage vor dem Pfingsstsonntag 2015


Sonntag, 10. Mai 2015

Halbe Sachen



von Volitiva

Es geht wieder einmal um die beiden Geschlechter auf unserem Planeten - ein Thema das nie zu enden scheint!

Diesmal handelt es von einer guten Bekannten, wir nennen sie der Einfachheit halber Anneliese. Und den Mann lasse ich einfach namenlos – ich bleibe bei „der Mann“!

Anneliese hat einen Mann kennengelernt, einen sehr netten Mann. Einen Mann, der eigentlich all ihren Erwartungen entspricht. Einen Mann, der in so vielen Bereichen sehr gut zu ihr passt. Einen Mann, der sie versteht. Einen Mann, der sie begehrt. Einen Mann, der einfach besser nicht sein könnte!

Ist das nicht wunderbar? So etwas wünscht sich jede Frau in ihrem Leben! Den Mann kennen zu lernen, auf den all das zutrifft, das sie glücklich macht. Anneliese ist hin und weg – Anneliese ist einfach nur schwerst verliebt. Und der Mann hat auch irgendwelche Gefühle für sie!

ABER – es ist ja fast unvermeidbar gewesen, dass nicht auch in diesem Fall das berühmte „aber“ kommt. Der Mann ist gebunden – so ein Pech aber auch! Anneliese kann mit vielem umgehen – aber diese Information wirft sie dann doch ein klitzeklein wenig aus der Bahn! Bedenkzeit! 

Bedenkzeit ist gut – da gibt es nämlich sehr viel zu bedenken, und eigentlich gar nichts! Ihre Gedanken kreisen, ihre Gefühle spielen verrückt, ihre Konzentration leidet – das Chaos in ihr ist perfekt! Und sie grübelt viel nach, stellt Thesen auf und versucht zu verstehen – heraus kommt nur, sie verwirrt sich mit all dem völlig und auch komplett unnötig selbst.

Wozu überhaupt der ganze Aufwand? Er ist nicht frei, er ist in festen Händen, er ist vergeben! Und sie? Sie ist verliebt, sie ist verwirrt, sie ist zutiefst bestürzt, und sie kann nicht fassen, dass gerade ihr so etwas passiert! 

Aber all das ändert nichts an ihren Gefühlen – natürlich, könnte sie diese ausschalten, würde sie das auf der Stelle tun, sie mag nämlich keine halben Sachen, funktioniert aber nicht! Also zerbricht sie sich ihren Kopf wieder und wieder, stundenlang – tagelang – wochenlang! Und eigentlich hätte sie sich dieses Kopfzerbrechen ersparen können – sie weiß, sie will ihn. Sie weiß, ihre Gefühle sind so stark, dass sie Vieles auf sich nimmt und auch hinnimmt, dass sie sich nie hätte träumen lassen. Außerdem mag sie ja keine halben Sachen! Anneliese weiß nämlich ganz genau, was sie will - und was sie auf gar keinen Fall will, weiß sie ebenso; nur leider hilft ihr all das Wissen in dieser Situation überhaupt nicht.

Nur – halbe Sachen mag sie gar nicht! 

Auch das ist ihr noch immer bewusst! 

Na ja, und irgendwann ist sie es leid nachzudenken, sie will nicht mehr darunter leiden, sie will ja einfach nur ein bisschen glücklich sein. Und da fasst sie den entscheidenden Gedanken – obwohl sie keine halben Sachen mag, findet sie es doch die bessere Lösung, den Mann ein klein wenig für sich zu haben, als gar nicht! Und Anneliese ist Frau genug, um zu wissen, dass sie sich selbst damit nicht wirklich etwas Gutes tut – aber diese Variante ist deshalb entstanden, weil sie den Mann, der all das hat, was ihn für sie so anziehend und so liebenswert macht, lieber eine kurze begrenzte Zeit für sich haben möchte, als überhaupt nicht. 

Und das, obwohl sie eigentlich keine halben Sachen mag! Anneliese kann selbst nicht fassen, zu so einem Entschluss fähig zu sein, aber es ist für sie zu diesem Zeitpunkt einfach nicht anders möglich! 

Und zwar deshalb, weil sie es sich wert ist, dass es ihr gut geht, und der Zeitrahmen spielt momentan nicht die wichtigste Rolle, denn ob es ihr jetzt sofort schlecht geht, oder in einigen Tagen, Wochen oder Monaten, ist schließlich egal – leiden wird sie so oder so, und da sie ja keine halben Sachen mag – leidet sie dann, wenn der Zeitpunkt da ist lieber richtig, mit allem – Drum und Dran!

Weiterführende Links:

Samstag, 2. Mai 2015

Schulausflug



von Ferdinand Planegger
 Du spielst selbstvergessen mit deinen Steinen am Rinnstein vor dem Haus. Plötzlich steht Herr Tuttner vor dir, dein erster Klassenlehrer in der Volksschule. Du magst ihn, er ist immer freundlich und mag dich auch, das spürst du. Er fragte dich: „Fährst du nicht mit, heute ist doch unser Schulausflug zum Grünen See?“, sprachlos zucken deine Schultern. „Wo ist denn deine Mutter?“, fragt er dich. Du kannst nicht reden, weil das beim tapferen Zurückhalten von Tränen nicht geht; zeigst nur mit der Hand ins Innere der alten Hütte. Dein Lehrer geht voraus und spricht mit deiner Mutter. Man kann ihr ansehen, dass sie sich schämt, weil sie den kleinen Betrag für den Ausflug nicht aufbringen kann. „Ach was, das kriegen wir schon!“ sagt Herr Tuttner, schnappt dich bei der Hand und läuft mit mir zum wartenden Postautobus. Da stehst du nun, mit kurzer Lederhose und verwaschenem Leibchen, barfuß. Der Autobus fährt los und du kannst dich über Streicheleinheiten von den Müttern deiner Mitschüler freuen. Dein blonder Haarschopf wird liebevoll zerzaust, deine Kameraden können sich kaum einigen, wer dir mehr Bonbons schenken darf. Es tut dir gut, du spürst eine herzliche Zuneigung. Und doch entsteht so etwas wie Distanz in dir, zum ersten Mal in deinem Leben fühlst du dich an den Rand gedrängt. Jetzt bist du der „Arme“ in der Klasse. Du fühlst dich gar nicht so arm, wie die dich sehen; erst ihre Großzügigkeit macht aus dir den Bedürftigen. Das größte Geschenk ist ohnehin die Fahrt mit dem Postauto. Der Chauffeur betätigt nur für euch Buben das Posthorn. Trari-Trara, die Post ist da! Wunderbar. In viel zu kurzer Fahrzeit erreicht ihr euer Ziel. Staunend stehst du vor steil aufragenden Felswänden. Dunkle Wälder säumen die steilen Ufer des Grünen Sees im Hintergrund. Vor dir tut sich eine prächtige Landschaft auf. In den Moospolstern lässt es sich vorzüglich barfuß gehen.  Mütter breiten Decken aus, öffnen Proviantdosen. Beim Anblick von Eiern, Schinken und Käse läuft dir das Wasser im Mund zusammen. Wieder wirst du eingeladen und hast mehr zu essen als je zuvor. Jetzt laufen sie ins Wasser und fordern dich auf mit ihnen zu baden. Das würdest du auch gerne tun, leider kannst du nicht, denn du hast unter deiner Ledernen keine Unterhose an. Das muss unbedingt dein Geheimnis bleiben, es hätte dich womöglich noch ärmer aussehen lassen. Schade, es war so ein schöner Tag.

Sonntag, 26. April 2015

Frieden

von Thomas Mentzel

(c) Thomas Menthel
Erfreut registrierte ich heute morgen neben Rechnungen, Mahnungen und
Werbung einen Brief in meinem Postkasten. Ja, einen richtigen Brief
auf Papier. Geschrieben hat ihn der Herausgeber, gleichzeitig Verleger
einer Anthologie mit Texten zum Thema Frieden und er bittet mich um einen Beitrag.

Schließlich bin ich Autor und Lyriker, deswegen fallen mir ein paar
Zeilen gewiss nicht schwer. Kurz und knackig aber bitte und vor allem schnell, er hat für mich eine Seite bereitgehalten. Es gibt gutes Honorar und einige Auftritte im Rahmen der Buchpräsentation hat er ebenfalls reserviert.

Natürlich setze ich mich sofort an den Schreibtisch. Ich bin ein
friedlicher Mensch, gehe tunlichst jedem Streit aus dem Wege und bin
deswegen selbstverständlich geradezu prädestiniert für einen
derartigen Beitrag. Also, Computer hochgefahren und Schreibprogramm
aufgerufen; es kann losgehen.

Nun denn. Zuerst muss ich für Ruhe sorgen, meine Frau ist mit dem
Staubsauger beschäftigt weil sie meint, heute ist ein guter Tag für
den Hausputz. Okay, ich habe ihr den Stecker herausgezogen und sie
höflich gebeten, leise zu sein. Schließlich muss ich arbeiten. Draußen
vor dem Haus ist es windig, die Fenster stehen offen, - vielleicht
rutschte mir deswegen die Klinke aus der Hand und die Tür knallte mit voller Wucht ins Schloss. Wer weiß.

Ich jedenfalls habe meine Ruhe und kann mich entspannt dem Thema
Frieden widmen. Immerhin schaffe ich es, das Wort als Überschrift zu
tippen und mir ein paar grundlegende Gedanken zu machen. Zum Beispiel,
wieso auf einmal kein Aschenbecher neben meinem Computer steht.

So kann ich nicht schöpferisch tätig sein, das weiß meine Frau genau.
Aufgestanden, an den Schrank und einen neuen herausgeholt. Meine Frau
ist mit der Zubereitung der Mahlzeit für unseren fünfjährigen Zögling
beschäftigt, dieser mag jedoch nichts essen. Kann man verstehen, wenn
der Papa nicht dabei ist und deswegen nichts bekommt. Aber dessen
ungeachtet: Ich muss arbeiten, da soll er schweigen. Das erkläre ich
ihm eindringlich. Er versteht es und heult los. Es zieht übrigens
immer noch.

Ruhe, Frieden. Wie schön. Stille zum schreiben. So lange jedenfalls,
bis unsere gemeinsame Tochter aus der Schule kommt. Nicht, dass ich
etwas dagegen habe, wenn sie Musik hört. Aber Zimmerlautstärke
bedeutet, dass die Töne in ihren vier Wänden bleiben. Folglich bin ich
hinübergegangen, habe wortlos die Anlage ausgeschaltet und mich wieder
an meine Schreiberei begeben. Habe ich eigentlich erzählt, dass es ein
sehr windiger Tag ist und alle Fenster geöffnet sind? Ich würde
niemals absichtlich mit den Türen knallen.

Friedliche Geräuschlosigkeit im ganzen Haus. So muss es sein. So kann
ich schaffen. Warum nun mein Nachbar meint, er soll ausgerechnet um
diese Zeit seinen Rasen mähen, bleibt mir unverständlich. Ein wenig
Rücksicht kann ich erwarten, oder? Ich gehe zu ihm hin, um zu
erklären, dass dies nicht geht. Es gibt andere Zeiten, nur weil er
Rentner ist, darf er nicht machen was und wann er will. Als er mir
darauf antwortet, dass ihn meine Arbeitszeiten herzlich wenig
interessieren, fällt mir aus Versehen der Spaten mit der scharfen
Kante direkt auf seine Verlängerungsschnur. Wirklich nur ein Versehen.
Ich selbst käme niemals auf eine derart kämpferische Idee.

Zurück im Haus rutschte mir schon wieder die Klinke aus der Hand. Es
weht wirklich heftig.
Klasse. Es geht nichts über ein stilles, friedliches Umfeld. Wo kommen
auf einmal die Fliegen her? Starfighter und Phantom sind überhaupt
nichts gegen deren Lautstärke. Hilft nur blanke Gewalt. Wofür habe ich
Stern und Spiegel abonniert? Klatsch. Klatsch. Geschafft.

Endlich. Ich kann mich an den Schreibtisch setzen. Worum geht es? Ach
ja, „Frieden“ blinkt auf dem Bildschirm. Ich starre auf das flackern.
Schwarz „Frieden“, der Rest des Bildschirms ist weiß.

Habe ich bereits erwähnt, dass ich ein friedliebender Mensch bin, der
jedem Streit aus dem Wege geht? Ja? Wutausbrüche sind mir fremd. Aber
mir fällt nun gerade nichts mehr ein. Ist es ein Wunder, wenn ich
aggressiv werde? Überhaupt, „Frieden“. Darüber schreibt man nicht, der
herrscht. Nee, der doofe Verleger bekommt jetzt einen Brief von mir.
Den „Frieden“ kann er sich sonst wo hin. Und ich gehe spazieren.
Übrigens, es ist wirklich windig. Ich würde niemals Türen knallen.
Tschüss! 
 
Weiterführende Links:
Thomas Mentzel auf Facebook
Die neuen Leiden der alten Wörter 

Dienstag, 21. April 2015

Der Fischer von Locronan



Von Insa Segebade

 
Deine Stimme war es, in die ich mich zuerst verliebte. Sie war überhaupt das Erste, was ich von dir wahrnahm. Damals, am Hafen von Morgat. Ich saß auf der Mole und zeichnete als Fingerübung eine rote Katze, versperrte dir dabei den Weg, als du mit einer Kiste Langusten vorbei wolltest. „Excusez-moi, Mademoiselle“, sagtest du, und ich spürte, wie deine Stimme, wie du tief in mich eindrangst und dort etwas zum Schwingen brachtest, von dem ich nicht einmal gewusst hatte, dass es da war. Der Bleistift rollte mir aus der Hand, landete leise platschend im Wasser. Ein Windstoß nahm das Papier mit sich fort, nahm alles mit sich fort, was ich bis dahin für wichtig gehalten hatte, um Platz zu machen für Neues, nein, Anderes, denn neu – das war mein Leben an deiner Seite nicht. Eher war es so, dass ich dich gefunden, endlich wieder gefunden hatte. Als ich aufsah, verrieten mir deine Augen, grau-grün wie die See, dass du genau so empfandest. Du stelltest die Kiste mit den Langusten ab und reichtest mir die Hand. Eine große, raue Hand voller Schwielen, nach der ich ohne zu zögern griff. Gewiss, sie nie mehr loszulassen. Gewiss, nie mehr von ihr losgelassen zu werden.
Du lebtest allein in dem kleinen Haus oberhalb des Strandes von Locronan. Dein Großvater hatte es gebaut. Ganz schief war es inzwischen, zur Landseite gebeugt, als habe es irgendwann dem Sturm, der vom Meer kam, seufzend nachgegeben. Aus einem einzigen Raum bestand das mit Schieferplatten gedeckte Haus. Über dem Kamin zog sich ein Riss durch die Wand, durch den, scharf wie ein Messer, ein Strahl der untergehenden Sonne drang. Der Boden war so schräg, dass ich das Gefühl hatte, auf schwankenden Deckplanken zu gehen. Als du die Tür öffnetest und vor mir hineingingst, fiel dir eine Konservendose aus der Armbeuge. Sie kullerte längs durch den ganzen Raum, bis sie auf der gegenüberliegenden Seite unter dem Geschirrschrank liegen blieb.
Noch am selben Tag, als wir uns auf der Pier in Morgat trafen, ludst du mich zu dir ein. Während du kochtest, fragtest du, ob es unschicklich sei, bei dir zu essen, anstatt mich in ein Restaurant auszuführen. Ich zerstreute deine Bedenken mit einem Lächeln und schaute mich in dem kleinen Haus um, in dem nur ein alter, gusseiserner Herd stand, auf dem es in drei Töpfen leise vor sich hin brodelte, ein hölzerner Tisch mit zwei Stühlen, ein Bett mit zahlreichen Decken und Kissen sowie ein Geschirrschrank aus dunklem, glänzendem Holz, in dem bunt bemalte Teller standen, von denen bereits deine Vorfahren gegessen hatten, wie du mir erklärtest.
Ich weiß nicht mehr, wie viel Tassen Kaffee, wie viel Gläser Wein wir nach dem Essen tranken. Als ich mir ein kleines Gähnen nicht verkneifen konnte, ging bereits die Sonne auf. Du warst bestürzt, weil du mich um den Schlaf gebracht hattest. Wieder zerstreute ich deine Bedenken mit einem Lächeln, bot an, den Abwasch zu machen, während du deine Gummistiefel anzogst und dich bereit machtest, mit deinem kleinen Boot hinauszufahren.
Bald standen die Teller wieder ordentlich im Regal des Geschirrschranks, das schwere Silberbesteck in der mit purpurnem Samt ausgeschlagenen Schublade darunter. Ich weiß, ich hätte es nicht tun sollen, aber der Wunsch, mehr von dir zu erfahren, war größer. Also zog ich auch die unteren beiden Schubladen auf. Was hatte ich erwartet? Dokumente, Briefe, Fotoalben, ein Tagebuch vielleicht? Aber da war nichts außer ein paar Hosen und Hemden zum Wechseln. Mehr nicht, wunderte ich mich und verschloss verschämt die Laden.
Als ich mich aufrichtete, fühlte ich eine bleierne Schwere in meinen Gliedern und ließ mich zwischen all die Decken und Kissen auf dein Bett fallen. Ich glaubte noch, ein sanftes Singen zu hören, bevor ich tief und fest schlief. Ich erwachte erst, als du zur Tür hereinkamst. Noch benommen vom Schlaf, entging mir doch nicht das Lächeln auf deinem Gesicht, als du mich sahst.
Um nichts auf der Welt hättest du es verlassen und im Stich gelassen, das kleine Haus oberhalb des Strandes von Locronan. Du fühltest dich sicher in seinen Wänden, unter seinem Dach. Nachts, wenn der Sturm an den Fensterläden rüttelte und das Haus ächzte und ich mich ängstlich an dich schmiegte, lachtest du nur. „Keine Angst“, sagtest du in der Gewissheit, dass deine Vorfahren nicht zulassen würden, dass die grob behauenen Natursteine, aus denen sie das Haus wie ein Puzzle zusammengesetzt hatten, uns unter sich begraben würden.
Das Tuscheln der anderen nahmst du nicht wahr. Auch ich versuchte, es zu überhören, begann aber bald, nachdem ich bei dir eingezogen war, unser Brot selbst zu backen. Nur einzelne zusammenhanglose Worte stahlen sich aus dem Zischen und Säuseln ihrer Münder in mein Ohr. Nur einmal verstand ich, wie die Alte aus dem Nachbarhaus sagte, während ich an ihr vorbeiging: „Wenigstens keine Kinder. Es ist genug.“ Ich hätte einfach meinen Weg fortsetzen sollen, doch ich blieb stehen, sah die Alte an, die meinem Blick trotzig standhielt.
„Die alte Laure. Sie ist harmlos“, sagtest du kopfschüttelnd, als ich dir davon erzählte. Harmlos im Vergleich zu den Leuten in der Stadt, in der du damals studiertest. Du warst ein Außenseiter. Sie merkten, dass du anders warst, obwohl du versuchtest, wie sie zu sein. Aber du konntest es nicht verbergen und kamst zurück. Zurück an den Ort, an dem man wusste, dass die Dubois’ eben anders waren, aber nie jemandem etwas zuleide taten. Wir haben sie nie verlassen, unsere Halbinsel, und gingen den Hauptstädtern, die in den Sommermonaten einfielen, aus dem Weg.
Anfangs dachte ich, sie trieben ihre Späße mit dir, wenn sie dir Grüße an deinen Vater und deinen Großvater auftrugen. Aber nein, es war ernst gemeint, stellte ich mit der Zeit fest. „Sie glauben tatsächlich, dass in unserem kleinen Haus eine Großfamilie lebt“, sagte ich. Du lächeltest nur. Wusstest, dass ich noch nicht bereit war zu verstehen. Sicher hast du gehofft, dass ich es wäre, als der Sturm dein Boot wie einen Ball auf den Wellen hin und her warf, mit ihm spielte wie eine Katze mit einer Maus spielt, nur um es schließlich an den Klippen zerschellen zu lassen.
Von meinen Träumen hatte ich dir nicht erzählt. Ich hatte Angst, dass du sie mit einem Lächeln abtun könntest. Ahnungen und Visionen? Nein, die könne ein Stadtmensch wie ich nicht haben, glaubte ich bereits deine Stimme zu hören. Diese Gabe ginge im Lärm, im Stress, in der Hektik unter. Mag tatsächlich sein, dass es auch bei mir einmal so war. Mag sein, dass ich es so gewollt hatte – nichts zu sehen, nichts zu hören, nichts zu begreifen. Aber das ist vorbei. Jetzt bin ich eine von euch. Doch zuerst schüttelte ich meine Träume nach dem Erwachen ab wie die Decken, unter denen wir nachts lagen. Aber dann kamen sie auch tagsüber, überlagerten das Hier und Jetzt, ließen es erstarren, verblassen. Als ich dich bat, nicht hinauszufahren, sahst du mich nur verwundert an.
Ile d’Ouessant heißt die Insel an der Westküste der Bretagne. Seeleute umfahren sie in einem weiten Bogen, die Ile d’Ouessant. Sie ist von einem Gürtel aus Riffs umgeben, der schon unzählige Schiffsrümpfe aufgeschlitzt hat. Hier fand man dich nach drei Wochen. Eingeklemmt zwischen zwei Felsblöcken, deren Spitzen nur bei Ebbe zu sehen waren. Noch immer trieben die Wellen ihren Schalk mit dir, stupsten dich an, ließen dich einen makaberen Tanz aufführen und dich mit schlaffem Arm der Fähre zuwinken, die eine Horde Touristen zurück nach Le Conquet brachte.
Sie sagten, es sei ein Glück, dass man dich fand und auf dem Friedhof in Morgat beerdigen konnte, denn die meisten, die die See sich nimmt, gibt sie nicht mehr frei. Wie deinen Vater und deinen Großvater. Glück? Was verstanden sie unter Glück? Du warst fort. Anfangs tat ich so, als seiest du noch da. Als seiest du nur mit dem Boot hinaus und würdest gleich zur Tür hereinkommen. Vergebens. Dann redete ich mir ein, du wärst noch da, und ich könnte dich nur nicht sehen. Ich schrieb dir Briefe und wusste nicht, wohin ich sie schicken sollte. Ich redete in die Stille und bekam keine Antwort. Nur das Echo des scheppernden Kupferkessels, den ich wütend an die Wand warf, hallte in meinem Kopf nach.
Ich wollte fortgehen. Was zählte sie noch, die Schönheit, die mich hier umgab, wenn du nicht da warst, um sie mit mir zu teilen? Aber das Meer, sein ewiges Rauschen, es hielt mich. Nachts, wenn ich allein zwischen den klammen Decken und Kissen lag, die meine Körperwärme allein nie zu erwärmen vermochte, und keinen Schlaf fand. Wenn ich mich nach deinen Händen, deinen rauen Händen voller Schwielen sehnte, die mich in der Nacht zärtlich hielten. Nach deinem Mund, der mich liebkoste. Deinem Leib, der mich bedeckte. Ein stetiges tiefes Brummen im Hintergrund, davor das höhere Geräusch, der Sopran der sich brechenden Wellen, die im Sand ausliefen. Dazwischen deine beschwörende Stimme. „Bleib“, wispertest du, „geh nicht fort! Ich bin hier.“
Dann diese Nacht im November. Zitternd und frierend verbrachte ich sie auf einem Felsen am Strand von La Palue. Ich hatte auf die Flut gesehen, die Zeit vergessen, war plötzlich vom Wasser eingeschlossen, hinter mir eine steile Felswand. Im Licht des Mondes veränderte sich ein Vorsprung, die Zacken im schwarzen Basalt wurden lebendig, wurden zu Gesichtern, Hunderten von Gesichtern mit weit aufgerissenen Mündern, den Gesichtern Ertrunkener, unter denen ich auch deines zu erkennen glaubte, obwohl dein weit aufgerissener Mund, aus dem Stille quoll, deine Züge verzerrte.
Nachts, du kamst nur nachts, doch war ich lange nicht bereit, dich zu empfangen. Zu groß die Angst, deinen aufgequollenen, von den Felsen zerschnittenen Körper zu sehen, in dem jeder einzelne Knochen zerschmettert war. Die Augenhöhlen leer, Seetang in den Haaren, die Haut durchsichtig, marmorn, dein Gesicht, ich würde nicht wagen, hinein zu sehen. Hinein zu sehen in das Gesicht, das doch alles war für mich. Schöner als jedes Gemälde, als jeder Sonnenuntergang. Und was, wenn du nicht allein kämst? Was, wenn deine Vorfahren bei dir wären?
Was ich nachts fürchtete, sehnte ich am Tage herbei. Nein, ich lasse mich nicht gehen, sei ganz beruhigt. Unser Haus halte ich sauber, tausche die Schindeln aus, wenn sie zerbrechen, streiche die Fensterläden und die Wände, wenn der Schimmel sie schwarz färbt. Nur die Alte von nebenan, Laure nanntest du sie, der gehe ich aus dem Weg. Aber neulich, da eilte sie in ihr Haus, als sie mich sah, um gleich darauf mit einem Bild in der Hand wieder herauszukommen. Sie rief mich. Zögernd näherte ich mich ihr. Zu langsam ging ihr das. Sie kam mir entgegen, drückte mir wortlos das Bild in die Hand, ein schwarz-weißes Foto, vergilbt und schon ganz verknickt, als hätte es in einer Ritze zwischen zwei Steinen gesteckt. Ich erkannte ein Hochzeitspaar. Seiner Kleidung nach zu urteilen, musste das Bild vor etwa achtzig Jahren aufgenommen worden sein. War es Laures Hochzeitsfoto? Ich warf noch einen flüchtigen Blick darauf, aber die Alte wies resolut meinen Arm zurück, als ich ihr das Foto zurückgeben wollte. „Schauen Sie genau hin, auf die Gesichter.“
Ich seufzte und schaute auf den ernst dreinblickenden Mann. Groß war er und von kräftiger Statur, seine Augen schienen selbst auf dem alten Foto zu leuchten. Und seine Züge ... nein, das konnte nicht sein, sagte ich mir und ließ meinen Blick weiterwandern zur Braut – und erstarrte. Nein, auch das konnte nicht sein, musste ein dummer Zufall sein. „Sein Urgroßvater und seine Urgroßmutter“, hörte ich die Alte sagen. Aus weiter Ferne kam ihre Stimme, dabei stand sie doch direkt neben mir. „Das Hochzeitsbild seiner Großeltern und seiner Eltern hätte genau so ausgesehen. Nur die Kleidung wäre eine andere gewesen. Aber da haben sie keine Fotos mehr gemacht. Haben Sie ein Hochzeitsbild?“ Ich schüttelte den Kopf. „Dann behalten Sie das. Kommt ja irgendwie aufs Gleiche heraus.“ Die Alte schlurfte in ihr Haus zurück, und ich ... ich stand da wie versteinert und wagte nicht, noch einmal auf dieses Bild in meiner Hand zu sehen. Ich hielt es weit von mir und vertraute es dem Wind an, als eine Böe mir die Haare ins Gesicht blies.
Dann fühlte ich diese Ruhe. Und mit ihr schwand die Angst. Und du, du warst mir willkommen. Dein Grab, das besuchte ich nicht mehr. Wozu auch? Komm zu mir, mein Gelieber. Komm dorthin, wohin du gehörst. Ich fürchte mich nicht mehr. Egal, ob es Tag ist oder Nacht. Egal, ob dein Leib zerschunden ist oder unversehrt. Ich weiß, du wirst mir nichts tun. Und wenn doch ... was gäbe es Schöneres, als auf diese Weise aus dieser Welt zu scheiden. Was sagst du, Geliebter? Ja, sei nicht ungeduldig, ich komme doch. Ich reiche dir meine Hand, streichle dir deine kalte Wange, küsse dir das Salzwasser von der Stirn, hauche deinen blauen Lippen Leben ein. 




Weiterführende Links:
Die Autorin
Auf Youtube