Freitag, 17. April 2015

Wir und die anderen

Zur Erinnerung an Eduardo Galeano
(von Reinhard Lackinger)



"Wir alle waren "Charlie" und werden wohl immer zu den Opfern himmelschreiender Ungerechtigkeiten stehen! Wie zum Beispiel nach jenem Gemetzel unlängst in Frankreich! Da waren wir alle bestürzt! Wir alle werden nach wie vor die Schwächeren in Schutz nehmen, sowie den Märtyrern gedenken!"
Eduardo Galeano: Der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano
ist tot. Er starb im Alter von 74 Jahren in einem Krankenhaus in sei-
nem Geburtsort Montevideo in Uruguay an den Folgen einer Krebs-
erkrankung und zählte zu den wichtigsten Publizisten Lateinamerikas.

Egal wo, so lange die leidtragenden, betroffenen und brutalisierten Menschen den ersten Stock bewohnen.
Die zu ebener Erde sollen zusehen wie sie mit ihren Wehwehchen fertig werden!
Sie sind ja selber schuld daß sie nasse, kalte Füße haben! Warum kauft ihnen der Vater keine neuen Schuhe!

Da geistert auch schon eine Frage in meinem Hirnkästchen herum: Haben die Organisatoren der Manifestation, die auf das Charlie Hebdo-Attentat folgte, von jenem Wiener Sprechstück gewußt? Haben sie deshalb die "erdgeschossigen" Demonstranten durch eine Straße von Paris geschleust, während sie für die Staatsoberhäupter einen anderen, geschützteren Weg aussuchten?

Aus Nestroys Posse wurde mittlerweile eine erfolgreiche Fernsehserie! Grauenhafte Bilder drängen sich während der Nachrichten durch den Bildschirm in unser trautes Heim.
- Fatal -, flüstert Wilhelm Buschs Schlich in unser Ohr. - Fatal, aber nicht für mich ... oder besser, nicht für uns -! Fast immer, jedenfalls!
Wenn aber dann der Blitz völlig unerwartet die Honigseite des Planeten trifft und im ersten Stock einschlägt, sind wir alle aus dem Häusel und spüren einen Stich in der Brust!

Ich gebe zu, überrascht und schockiert gewesen zu sein, als in den 80er Jahren ein Jugendfreund zu Besuch bei mir in Brasilien erklärte, er hätte während des Gerangels um die Malvinas Inseln zu den Briten gehalten. Was die "Bananenrepublikaner" von Argentiniern sich da Unerhörtes herausnahmen, ( als sie ihre eigenen Inseln überfielen ) erlaubte er sich noch hinzuzufügen.
Ein Neffe erzählte mir, er habe unlängst auf Seychellen brasilianische Urlauber aus Salvador, Bahia getroffen. Diese waren erstaunt, daß er wußte, wo Salvador liegt und sogar meinen Namen nannte. Mein Neffe wiederum war überrascht daß mich jene Touristen aus Salvador kannten. So klein sei die Welt, meinte er abschließend. Nein, die Welt ist groß und schön. Winzig klein ist nach wie vor das Universum der Südamerikaner, die sich einen Urlaub auf Seychellen leisten können.
Heute hat ein Freund aus Kärnten eine venezuelanische Schwiegertochter. Ich mied es, nachzufragen, ob sie wohl mit seinem Sohn in Österreich lebte, oder in Caracas. Ich wollte dem Thema "Hugo Chávez, Nicolas Maduro und Boliavarianismus" unbedingt entfliehen. Besser situierte Venezuelaner, also jene, die das erforderliche Geld für eine Reise in die sogenannte Erste Welt aufbringen, sympathisieren normalerweise nicht mit dem Chavismus.
Die Dritte Welt mit ihren Schwellenländern und unsichtbaren Heerscharen liegt nach wie vor zu eberner Erde des Planeten, wenn nicht gar im Keller.

Die bis hinauf in den ersten Stock zu schwappen drohende Unbotmäßigkeit der Menschen vom Parterre kennt keine Grenzen mehr!
Jetzt verlangen die Griechen von den Deutschen Riesensummen zur Wiedergutmachung für die während des Zweiten Weltkrieges erlittenen Schäden.
Wie viele Milliarden an Reparationen müßten vor allem die Engländer und Franzosen an die Völker Afrikas und Asiens bezahlen, um die verheerenden Missetaten während der Kolonialzeit zu tilgen? Ich spreche von Wunden, die bis heute offen vor unseren Augen liegen. Von Höllischem, das noch immer in den Himmel stinkt und abertausende vor Lampedusa in Seenot geraten läßt.
Wie viele Milliarden an Reparationen müßten die Spanier und Portuiesen und Holländer an das durch Cortez, Pizarro & Co ausgeraubte Lateinamerika bezahlen? Reichtum, der vor allem die alberne Renaissance finanzierte.
Heute schreien konservative Südamerikaner gegen den Chavismus, gegen den Lulismus, gegen Dilma und Cristrina Kirchner, gegen Evo Morales und gegen den bösen, mit dem Kommunismus identischen "Bolivarianismus"! Es weiß aber keiner mehr, wer Simon Bolivar war!

Heute versuchen sich zu ebener Erde Wohnhafte in der Politik. Diese Arbeiter, Landwirte und Ureinwohner sind naiv genug um zu glauben, es genüge die Wahlen zu gewinnen um regieren zu können. Dabei unterschätzen sie die versteckte Macht - in Form von Presse und Justiz - des ersten Stockes!
Die lügenhafte Ruhe des nicht erklärten Bürgerkrieges scheint nun für immer vorbei zu sein!
Ja, gnade dir Gott, du Ritterschaft, der Bauer stund auf im Lande. Und tausendjährige Bauernkraft macht Schild und Schärpe zuschande!
Das alles ist Geschichte! Schon so lange her, gar nichr mehr wahr!

Jetzt hör ich es wieder, das Unwort "Genozid". In Verbindung mit jenem anderen, genauso unbeliebten Begriff "Wiedergumachung"!
Warum gibt es diese Unworte überhaupt? Genozid und Grund für Wiedergutmachung gab es, wenn überhaupt, nur einmal in der Geschichte!
Schon lange her, wie damals in Armenien und gar nicht mehr wahr!

Seit jenem "Je suis le premier étage"-Sager hege ich leichten Verdacht, die Araber und auch die Perser haben mit Nestroys Posse keine besondere Freude. Da sind neuerdings zu viele Beziehungspnkte, die sie in die Rolle der ewig zu ebener Erde Wohnhaften drängen.

Es wird gebeten, die Pakete mit Reparationsgaben direkt im ersten Stock abzugeben!


p.s. Einfache Menschen Salvadors kennen mich auch. Vom Marktplatz, vom Gemüsegeschäft, vom Fleischhauer, vom Delikatessenladen.
       Weil ich beinahe genauso diskret gekleidet durch die Stadt laufe wie der Bierpapst Conrad Seidl oder Kaiser Franz Josef Ewald Harrer.


Salvador 13 de abril de 2015
Reinhard Lackinger




Weiterführende Links:
Wikipedia

Kommentare:

  1. Es fehlte oben zum Beginn des Textes ...
    "Wir alle waren "Charlie" und werden wohl immer zu den Opfern himmelschreiender Ungerechtigkeiten stehen! Wie zum Beispiel nach jenem Gemetzel unlängst in Frankreich! Da waren wir alle bestürzt! Wir alle werden nach wie vor die Schwächeren in Schutz nehmen, sowie den Märtyrern gedenken!"!

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  2. Lieber Xará,

    danke für den Hinweis, ich habe den Text entsprechend ergänzt.

    Beste Grüße
    ins "Land der Sonne"
    Reinhard!

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